Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
545
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1993, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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s. L. Waltner, Das Referat Volkskunde und Völkerkunde am ÖWF in:Wissenschaftlicher Film 34/35, Juni 1986). Auch unter diesem Aspekt istder Band, um mit dem Titel einer der bekanntesten schweizerischen Produk-tionen zu sprechen, ein ,, schöner Augenblick.

Herbert Nikitsch

Vilém FLUSSER, Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen. Miteinem Nachwort von Florian Rötzer. München/ Wien, Edition Akzente imCarl Hanser Verlag, 1993, 150 Seiten.

Das Nachdenken über Dinge und ihren Gebrauch zählt zu den verbinden-den Themen der Kulturwissenschaften. Theoretische Entwürfe sind dabeiselten und finden auch kaum einmal Eingang in die praktische wissenschaft-liche Arbeit. Zu Unrecht, wie der vorliegende Essayband des 1991 verun-glückten Philosophen Vilém Flusser zeigt. Er ist Ideenspeicher und Anlei-tung, an Dinge heranzugehen, zugleich; nachahmbar ist so ein Buch diesgleich vorweg keinesfalls. Flussers Dingverständnis und Flussers Sicht derDinge decken sich nämlich kaum mit den gängigen Vorstellungen von derExistenz einer Sache, sondern zielen aufs Ganze: auf eine Kosmologie letztlich.

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Die versammelten Essays zu vierzehn Dingen und zwei Undingen bewe-gen sich zwischen zwei Polen. Einer phänomenologischen Sichtweise, diesich bemüht, Dinge so zu sehen, als sähe man sie zum erstenmal, und einerganz außerordentlichen Gabe, das Einfachste mit den grundlegenden Fragendes Daseins zu verbinden. So kann das Nachdenken über ,, Schöpflöffel undSuppe zur existentiellen Philosophie gerinnen: das Dasein als Löffeln inder Ursuppe mit der Perspektive, nicht nur selbst zu löffeln, sondern auch,, selbst dabei ausgelöffelt zu werden( S. 139). Die Schrift handelt demnachnicht nur über Dinge, sondern sie nützt die Dinge, um in die Praxis hinein-zusehen. Flusser tut dies nicht, um- wie der Kulturhistoriker etwa- aus derBetrachtung der Sache auf direktem Wege zu erfahren, wie es war oder wiees ist. Der Umweg führt, so auch Florian Rötzer in einem instruktivenNachwort, über die Gesten; ihre Beschreibung ,, ist eine Möglichkeit, jeneFormen herauszuarbeiten, wie Menschen in der Welt existieren, wie sie sichund die Welt konstruieren( S. 146).

Aus der Ding- Bedingtheit der Menschen zieht Flusser den Umkehr-schluß, daß die Dinge, welche wir hervorbringen, uns verändern. Nicht mehrdie Sachproduktion ist daher das Problem, sondern die Art, wie die Dingeuns beherrschen, uns letztlich im Weg stehen. Das zeigen die Essays einer-seits mit frappierend abgründigen Decouvrierungen der harmlosesten Din-ge, andererseits in der Analyse der entdinglichten, nicht mehr, begreifba-