Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
471
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVII/ 96, Wien 1993, 471- 495

Ledermythen

Materialien zu einer Ikonographie der schwarzen

Lederjacke

Von Nicola Lepp

Im Spätsommer diesen Jahres veranstaltete das Stuttgarter Kol-ping- Haus im Rahmen seiner Jugendarbeit eine Art professionellenKleiderflohmarkt. Im Angebot waren vornehmlich und massenhaftverwaschene und zerrissene Levis 501- Jeans, flankiert von ein paarKleidern und Accessoires aus den siebziger Jahren. Als potentielleKäufer hatten sich zahlreiche Jugendliche zwischen vierzehn undachtzehn eingefunden, die fast ausnahmslos in schwarze Lederjackengekleidet waren. Den aufmerksamen Beobachter, dessen Blick sichvielleicht noch am offensiven Protestgebaren früherer Jugendbewe-gungen geschult hatte,- als die Risse in der Jeans noch erarbeitet unddie Lederjacken noch in wilder Ornamentik daherkamen-, mag dieSituation enttäuscht haben. Jedoch soll hier weniger von der Kom-merzialisierung des jugendlichen Rebellenhabitus selbst die Redesein, an der nun offenbar auch die katholische Kirche mitstrickt, alsdavon, warum sie sich als so erfolgreich erweist. Denn trotz derAllgegenwart der schwarzen Lederjacke im gegenwärtigen Kleider-alltag, die zweifellos eine Verwässerung ihrer traditionalen Bedeu-tungsgehalte mit sich bringt, scheint sie weiterhin für die Artikulationspezifisch jugendlicher Wertsysteme prädestiniert zu sein.

Blickt man zurück, hat die schwarze Lederjacke in der Kleiderspra-che jugendlicher Subkulturen stets ein exponiertes Dasein geführt: inder Halbstarkenbewegung wie in der Rockerkultur und schließlichden expressiven Jugendstilen der siebziger und beginnenden achtzigerJahre. Aber nicht nur den Punks, den Rockern oder den RockabillyRebels, auch dem politisierten Hausbesetzermilieu und den Autono-men und darüber hinaus einer sich nur noch vage in der Tradition der68er definierenden jungen, individualisierten Generation wurde dieLederjacke zum wichtigen Baustein einer Aufmachung zwischenProtest und Verweigerung. Auffallend ist, daß sie wie kein anderes