Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
351
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1993, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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Bernhard KATHAN, Die Geflügelschlachtschere oder die Erfindung derTierliebe. Innsbruck, Österreichischer Studien- Verlag, 1993, 112 Seiten,S/ W- Abb.

Gerade gültige Tendenzen im wissenschaftlichen Textdesign lassen mit-unter für bestimmte Themen nur eine Art der Bearbeitung möglich erschei-nen. Ein gewichtiger Schlachthof- Foucault, Tierliebe- Elias oder zumindestKochbuch- Corbin standen gewissermaßen seit längerem an. BernhardKathan hat nun ganz ohne große Materialschlacht einen kleinen aber klugenEssay vorgelegt, der die Themenkreise aus einem modernisierungsge-schichtlichen Blickwinkel miteinander verbindet, und dessen einzigeSchwäche wohl darin zu suchen ist, daß über vergleichbare Themen längstgroße Bücher geschrieben sind. Die Bewunderung gilt daher zunächst demMut des Autors.

Am Anfang des Essays stand vermutlich die Verwunderung oder dasBefremden über Diktus und Praktiken in historischen Kochbüchern: DasSchlachten ist ein Teil der Zubereitung, und spezifische Werkzeuge oderTechniken gibt es nicht. Wer kocht, schlachtet auch( zumindest kleine Tiere)und bedient sich dabei dessen, was eine vormoderne Küche- als Produkti-ons- und Konsumptionseinheit bietet. Das gleich eingangs ausgebreiteteMaterial ist spannend, und der Ärger daher umso größer, daß der Autor aufgenaue Quellenangaben verzichtet. Sie hätten der Lesbarkeit des Essayskaum geschadet; der ist so flüssig und so spannend geschrieben, daß manihn ungern aus der Hand legt.

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Kathan konstatiert einen zivilisationsgeschichtlichen Prozeß, in dessenVerlauf die Selbstverständlichkeit des Tötens von Tieren verlorenging. AmAnfang dieses Prozesses sieht er die wachsenden und detaillierteren Anga-ben über das richtige Schlachten in den Kochbüchern, sein Ende vermuteter dort, wo diese Beschreibungen verschwunden sind. Dazwischen steht dieVerfeinerung, und diese geht einher mit der Entwicklung differenziertererVorstellungen über den Zeitpunkt des Tötens. Der Verweis auf die Spezifi-zierung anatomischen Wissens und die damit einhergehende Entwicklungmöglichst präziser- einen kurzen Tod herbeiführender- Methoden stelltdie Quellen und Beobachtungen in einen wichtigen Zusammenhang. Präziseund dicht beschreibt Kathan diese Tendenzen, ohne sie zu Gesetzmäßigkei-ten zu erheben. Unbefangen und überzeugend argumentiert er ohne großeReferenzen, obwohl der Essay gedanklich ohne Norbert Elias oder dieneueren mentalitätsgeschichtlichen Studien unmöglich wäre und jede Zeileeine Anmerkung zu Sigfried Giedeons Beobachtungen zu den Schlachthöfen-als Abbilder und Motoren des Modernisierungsprozesses sein könnte.

,, Die Geflügelschlachtschere, das titelgebende Instrument, steht dem-nach für jenen Strang, der die Tendenz zum sauberen Töten erzählt: Am