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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVII/ 96
Martin ROTH, Manfred SCHESKE, Hans- Christian TÄUBRICH( Hg.),In aller Munde. Einhundert Jahre Odol(= Begleitband zu einer Ausstellungim Deutschen Hygiene- Museum, Dresden, in Zusammenarbeit mit der Ling-ner Fischer GmbH, Bühl/ Baden). Stuttgart, Edition Cantz, 1993, 228Seiten, zahlr. Farb- u. S/ W- Abb.
Den hundertsten Geburtstag eines Produktes, das mit der Geschichte desDeutschen Hygiene- Museums wie kein anderes verbunden ist, hat man inDresden zum Anlaß für eine Ausstellung genommen, in deren Mittelpunktzwar die ,, weiße Flasche mit dem Seitenhals" stand, die aber zugleich weitmehr bot als eine Produktgeschichte von Odol. Der zur Ausstellung erschie-nene aufwendige Begleitband spiegelt dies in einer Reihe von Essays wiederund stellt das Mundwasser in die Zusammenhänge der Kulturgeschichte.Daß dies durch die Unterstützung der heutigen Odol- Produzenten geschieht,sei hier gleich eingangs vermerkt, weil eine so gelungene Synthese vonFirmenjubiläum und kulturwissenschaftlicher Arbeit allzu selten ist.
Der Vorzug eines solchen Bandes liegt in der Methode. Dies geradedeshalb, weil keine besondere Methode zu erkennen ist, sondern Autorenunterschiedlichster Provenienz von verschiedenen Seiten Licht auf Odol zuwerfen suchen. Die Annäherung ist also zum einen eine radiale, zum andereneine mehr lineare, indem einzelne Beiträge Teilaspekte der weiteren Pro-dukt- und Firmengeschichte durch das Jahrhundert verfolgen oder eben vomKontext her auf den engeren Kern hinarbeiten. So konnte den Odol- Chro-nisten wenig entgehen, und da und dort stößt man bei der Lektüre- vor allemdes in der Tat hinreissenden Abbildungsmaterials- auf einen Aspekt oderGedanken, der dann prompt auf den nächsten Seiten weitergesponnen wird:Ein kurzweiliges Lesevergnügen.
Der Band enthält siebzehn größere Beiträge, zu viele, um jeden einzelnenzu skizzieren; deshalb seien hier nur knapp einige wichtige Linien angedeu-tet. Ein erster Teil bringt quasi die Lokal-, Personen- und Firmengeschichtevon Odol. Dabei wird mit Blick auf das Thema Hygiene ein Bild Dresdensam Ende des 19. Jahrhunderts gezeichnet und der Odol- Erfinder KarlAugust Lingner porträtiert, dessen aufgeklärte Unternehmerpersönlichkeitfür den Erfolg und Mythos des Dresdener Mundwassers- doch zentral zusein scheint. Daß Lingner- ganz ,, animal ambitiosum"- alles unternahm,durch soziale und volkspolitische Unternehmungen seinen und den RufOdols zu mehren, tut seinen Leistungen keinen Abbruch: Schließlich istauch das Deutsche Hygiene- Museum auf seine Initiative zurückzuführen.Interessant erscheint dabei aber vor allem, wie Lingner den Zeitnerv traf:Indem er es verstand, gestützt auf die Rezeption von Erkenntnissen derjüngeren Medizin und Bakteriologie, Odol vom Beigeschmack des nurkosmetischen Mundwassers- und mithin vom Vorwurf der Scharlatanerie-