1993, Heft 3
Literatur der Volkskunde
331
turanthropologischen Wendung von Geschichtswissenschaft und Volkskun-de weitestgehend unbekannt waren. Dementsprechend wurde es Vorbild fürzahlreiche amerikanische ,, community studies", die mittlerweile auch dieeuropäische Forschung befruchtet haben. Vor allem aber, darauf hat Eric J.Hobsbawm hingewiesen, ist es gerade für die Nationalismusforschung ein,, Schlüsselwerk".
Für einen österreichischen Volkskundler stellen sich trotzdem zwei Fra-gen: Warum konnte eine ähnliche, vergleichende Studie von heimischenForschern nicht bewerkstelligt werden und warum blieb die Rezeption desBuches in der hiesigen Fachwelt so zurückhaltend? Das trentinische Volks-kundemuseum hingegen hat für seine Reihe ,, Classici dell'Etnografia delleAlpi“ einen bedeutenden Anfang gesetzt. Man darf auf die folgenden Bändegespannt sein.
Reinhard Johler
Anmerkung
1 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, XLVI/ 95, 1992, S. 91- 92.
Jean CUISENIER, La maison rustique – Logique sociale et compositionarchitecturale(= Collection ,, Ethnologies"). Paris, Presse universitaires deFrance[ upf].( 1991), 380 Seiten, 79 Fig.
Die Lektüre dieses fesselnd geschriebenen Buches über das ländlicheBauen und Wohnen in Frankreich und über dessen Voraussetzungen in derEntwicklung seit der Renaissance läßt auch denjenigen nicht leicht los, der-zunächst in die Axiome der volkskundlichen Hausforschung im übrigenEuropa eingelebt hier auf ganz neue Spuren baulichen Denkens undGestaltens hingewiesen wird. Es geht um die Frage: Wieweit hatten dieHumanisten und großen Architekten der Renaissance auch Einfluß auf dasvernakuläre Baugeschehen und auf das damit notwendig verbundene archi-tekturale( nicht architektonische!) Raumgefüge? Bestehen also zwischenderen Vorstellungen rustikalen Bauens und der Masse ungewöhnlich viel-gestaltiger Volksarchitektur irgendwelche Zusammenhänge?
Und wenn ja, welche können dies sein? Fürs erste scheint es ja kaumBeziehungen dieser Art gegeben zu haben. Denn zwischen den Arbeiten,die sich seit über hundert Jahren schon dem ländlich- bäuerlichen Hausbaubei uns zuwenden, und der Geschichte der„, architecture savante", dergelehrten Architektur also, bzw. den baulichen Befunden der übrigen Ge-sellschaftsschichten Europas bestehen kaum überbrückbare Lücken undGegensätze. Das neue Werk von Jean Cuisenier, des bekannten französi-