Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
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Chronik der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

Ingeborg Weber- Kellermann

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Am 12. Juni 1993 starb Ingeborg Weber- Kellermann in ihrem Haus in derMarburger Wilhelmstraße 19 zwei Wochen später wäre sie 75 Jahre altgeworden. In einer Trauerfeier nahmen wir auf dem Marburger Rotenberg-Friedhof Abschied, die Urne aber ist in Berlin beigesetzt.

Der Tod kann Frau Weber- Kellermann kaum überrascht haben, sie wardurch Krankenhausaufenthalte und Operationen gewarnt, mit denen manihre Krebskrankheit aufhalten wollte, und sie wußte, daß dies nicht gelang.Der Tod traf sie arbeitend, so wird erzählt, und das ist ein schönes undtröstliches Bild, das bleiben wird.

Denn wie faẞt man ein Leben zusammen, wie beschreibt man einenMenschen, was wollen wir in Erinnerung behalten? Die sogenannten äuße-ren Daten wären ja rasch erzählt: Geboren am 26. Juni 1918( also: kurz vordem Ende des deutsch- preußischen Kaiserreiches) in Berlin- Wilmersdorf,Kriegsdienst( Flugmelde- und Rotkreuz- Dienst) und anderes, dazwischendie Promotion 1940, Heirat 1948, Geburt eines Sohnes, Scheidung- aberwie ließen sich diese Daten von denen der beruflichen Karriere trennen: seit1946 am Institut für Volkskunde an der Akademie der Wissenschaften inOst- Berlin( als Stellvertreterin von Adolf Spamer, später WolfgangSteinitz), 1960 dann von Gerhard Heilfurth ans neugegründete Institut fürmitteleuropäische Volksforschung geholt( die Assistentin war da immerhinschon 42 Jahre alt), 1963 Fertigstellung der Habilitationsschrift, 1968,, zumProfessor ernannt( man schrieb noch nicht wie heute: Professorin!), 1983dann pensioniert? Oder soll man die ,, eigentlichen Ehrungen nennen:Premio Internationale di Folklore Giuseppe Pitrè 1967, die Wilhelm-Leuschner- Medaille des Landes Hessen 1985, die ungarische Staatsaus-zeichnung ,, Pro Cultura Hungaria 1992? Soll man das hoch einschätzenoder nicht so hoch, da ihr der nach äußerer Ehre und Dotierung höchste Rangeines deutschen Professors zeitlebens verweigert blieb- was objektiv sicherSkandal genannt werden muß?

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Dies alles benennt noch nicht die menschlichen Tugenden, welche dieSchülerinnen und Schüler Ingeborg Weber- Kellermann nachrühmen, unter-streicht noch nicht die organisatorischen Leistungen etwa um den Aufbaudes Marburger Instituts und in Projekten und Publikationsreihen und Fil-men, hebt noch nicht die Bedeutung ans Licht, welche die Gründung einer,, wissenschaftlichen Familie"( oder Schule) darstellt. Ich selber- alsNachfolger auf ihrer Stelle( auf die ich eintreten, auf der ich sie aber nichteigentlich vertreten konnte)- bin ihr zu selten wirklich begegnet, ich kannnur die Verehrung, die ihr entgegengebracht wurde, registrieren und bewun-dern. Was der einstige Kommilitone Adelhart Zippelius vor 15 Jahrenschrieb( in: Brauch, Familie, Arbeitsleben. Schriften von Ingeborg Weber-