Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
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Chronik der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

Europäische Ethnologie und kulturelles Erbe

Identität und Zugehörigkeit. Vom Lokalen zum Übernationalen.Europäischer Kongreß, 8. bis 11. Dezember 1993 in Tours/ Frankreich

Es ist nicht zu übersehen, daß die europäische Gemeinschaft nicht in derLage ist, das Aufkommen von Nationalismus und Auseinandersetzungenaus nationalistischen Gründen zu unterbinden und daß die Konstruktioneines gemeinsamen Europa zur Abschottung führen kann.

Angesichts dieser Situation hat die Europäische Ethnologie, die im Laufeihrer Geschichte nur zu oft dazu benutzt wurde, territoriale, politische oderkulturelle Ansprüche zu erheben und zu rechtfertigen, allen Grund, einenkritischen Standpunkt zu beziehen.

Es wird auch zunehmend klar, daß kulturelle Traditionen im Mittelpunktder Entstehung von Identitätsbewußtsein stehen. In zahlreichen Ländernstützt sich die Wiederherstellung eines lokalen Identitätsbewußtseins sowiedie Entwicklung des Regionalismus auf die Aneignung und Hervorhebungkultureller Traditionen. In tragischer Weise wird dieser Zusammenhangdeutlich, wenn die absichtliche Vernichtung eines Volkes und seines kultu-rellen Erbes, von Orten und Symbolen, von Identität, miteinander Hand inHand gehen.

Die ,, Mission du Patrimoine ethnologique" lädt daher europäische For-scher ein, auf diesem Kongreß gemeinsam über die Zusammenhänge zwi-schen Ethnologie/ Volkskunde, kultureller Tradition, Eigen- und Fremdbild,nationaler Bindung und Nationalismus nachzudenken.

Drei Themenkreise werden vorgeschlagen:

- Kulturelles Erbe und kollektives Identitätsbewußtsein- Fremdheit als soziales Konstrukt

- Nationalismus und nationale Bindung

Kulturelles Erbe und kollektives Identitätsbewußtsein

Kulturelle Traditionen werden hier als Mittel betrachtet, Identitätsbe-wußtsein auszudrücken und hervorzubringen. Es soll versucht werden, ihreRolle bei der Erzeugung lokaler, regionaler und nationaler Identität in derVergangenheit aufzuzeigen. Der gegenwärtige, Boom von ethnographi-schen Museen zeigt, daß diese Frage noch immer relevant ist. Sowohl dieMuseen als auch das Fach europäische Ethnologie befinden sich im selbenZwiespalt. Sollen sie eine partikuläre oder eine universelle Sichtweise derKultur einnehmen? Wie kann man( kulturelle) Besonderheiten hervorheben,ohne gleichzeitig zwangsläufig Abgrenzungen zu bewirken? Führt die Wert-schätzung von kulturellen Traditionen zu einer Konfrontation oder zu einerVersöhnung von unterschiedlichen Identitäten? Wird die Vereinigung Euro-