1993, Heft 3
Ein halbes Jahrhundert erlebte Volkskunde
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verständlich. Wenn man irgend eine Erscheinung oder ein Objekt desVolkslebens, sei es ein Volkslied, ein Gerät, ein Möbel, ein Kleidungs-stück, erklären bzw. darstellen will, kommt man ohne die Kenntnisdes gesamten Kulturzusammenhanges, also ohne Kenntnis der zuge-hörigen Parallelen in der sogenannten Oberschicht nicht aus. Dasmacht die Volkskunde, die von den Verfechtern der hohen Kunst, derklassischen Musik, der feudalen oder bürgerlichen Einrichtung vonSchlössern, Bürgerhäusern und-wohnungen usw. nicht selten undnoch immer als Interpretin des nur Gewöhnlichen von„, oben“, ebenvon der sozialen Höhe der Oberschicht, nicht ganz vollgenommenwird, so schwierig aber auch so reizvoll. Ein Student der Volkskundetut also gut daran, sich auch in den höheren Gefilden seines Interessesgut umzusehen. Insofern ist es auch von vornherein richtig, etwaKostüm und Tracht unter dem Oberbegriff Kleid, Bekleidung zusubsumieren, Volksmöbel und Stilmöbel einfach unter dem Begriff,, Möbel", ohne allerdings den konkreten Forschungsgegenstand ausdem Bereich des, nun sagen wir, Alltagslebens zu verleugnen odergar verschwinden zu lassen. An sich sind das für jeden FachkollegenSelbstverständlichkeiten, aber sie waren es nicht immer und auch dieVolkskunde ist vor Betriebsblindheit nicht gefeit.
Ich darf von mir behaupten, daß ich den angedeuteten Grundsätzenein Leben lang gefolgt bin. Sie finden den kulturwissenschaftlichenAnsatz in meinen Arbeiten und Beiträgen zur Trachtenforschung, z.B.in den Kommentaren zum Volkskundeatlas oder auch in den Einlei-tungen zum Sammelband ,, Tracht in Österreich"( Wien, 1984), zu denfünf Folgen ,, Oberösterreichische Trachten", zuletzt in ,, Goldhaubeund Kopftuch"( Linz, 1980), zur Volkskunstforschung, außerdem inden zahlreichen Einzelaufsätzen, in meinen„, Bemalten Gläsern"( Callwey München, 1974) und in den ,, Oberösterreichischen Bauern-möbeln“( Kremayr& Scheriau Wien, 1986), dort besonders pointiertim Kapitel zur„ Terminologie“ und„ Ideologie“ des Möbels. Indiesem Buch, das ich als Zusammenschau einer lebenslangen Arbeitmit den Möbeln verstanden wissen wollte, ging es mir darum, in daszuletzt beinahe unübersichtliche Chaos bisher meist unbekannterObjekte, die vor allem in den Konjunkturzeiten des Antiq-uitätenhandels zwischen 1950 und 1980 in unglaublichem Ausmaßans Licht geschwemmt wurden, Ordnung zu bringen und schließlich,wo immer es ging, auch zum Erzeuger, mindestens aber zur Werkstät-te vorzudringen.