Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVII/ 96, Wien 1993, 261-276
Ein halbes Jahrhundert erlebte, erforschte und gestalteteVolkskunde¹
Von Franz C. Lipp
Wenn ich damit beginne, daß meine volkskundliche ,, Laufbahn"hier in diesem Hause, nicht unbedingt in diesem damals noch uner-schlossenen Keller, sondern weiter oben, im Lesesaal begann, sosollte nicht unerwähnt bleiben, daß mich, so unglaubwürdig es klin-gen mag, volkskundliche Fragestellungen schon als kleines Kindbedrängten. In meiner Heimatstadt Bad Ischl der Jahre nach demErsten Weltkrieg gab es, besonders in der Sommersaison, neben denEinheimischen schon seit Kaiserszeiten die sogenannten ,, He'schaf-ten"( Herrschaften), meistens wohlhabende Wiener Familien, oftnoch mit Personal, dieses ebenfalls meist aus Wien, dann verarmteAdelige, die in alten Villen saßen, die kaum mehr zu halten waren unddas fluktuierende Element der ,, Schieber“ genannten Neureichen, das,, tonangebend" die gerade in Mode gekommenen Tanzbars und Kaf-feehausgärten bevölkerte. Was war das für ein Unterschied zwischenden Leuten, die immer da waren und den sogenannten ,, Fremden“, inder Sprache, in der Lebensweise und, was damals im Salzkammergutnoch sehr auffiel, in der Kleidung. Mit der„ Lederhosenfrage" be-drängte ich schon in der 2. und 3. Volksschulklasse unseren dafüraufgeschlossenen Lehrer Josef Lechner. Die Fragen des So- undAndersseins, die natürlich senkrecht auch zur Soziologie führenkönnten, die aber noch kaum zur Debatte stand, brachten michschließlich ganz konkret zur Volkskunde, in der immer auch ja dieFrage nach der sozialen Einbettung und Herkunft impliziert ist.
Nun aber von Bad Ischl mit einem mächtigen Sprung- die frucht-baren Mittelschuljahre klammern wir aus- gleich nach Wien und indiese heiligen Hallen. Als ich mich zum Studium der Germanistik und
1 Vorliegendes Manuskript basiert auf einem Vortrag, welchen wHR o.Univ.- Prof.Dr. Franz C. Lipp auf Einladung des Vereins für Volkskunde anläßlich seinerErnennung zum ordentlichen Hochschulprofessor bei der Generalversammlungdes Vereins für Volkskunde in Wien am 15. März 1991 gehalten hat.