1993, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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Siegfried W. de RACHEWILTZ: Kastanien im südlichen Tirol. Mit einemBeitrag von Bernd D. Insam(= Arunda Kulturzeitschrift 33). Schlanders,1992, 151 Seiten, zahlreiche Farb- und S/ W- Abb.
Niemand würde bezweifeln, daß Südtirol ein Land der Kastanien ist, undweil gerade viel vom Kastaniensterben die Rede ist, hat sich Siegfried deRachewiltz daran gemacht, Kultur und Geschichte der Kastanie zu ergrün-den. Das Ergebnis, herausgegeben im Verlag der rührigen KulturzeitschriftArunda, kann sich auf vielerlei Art sehen lassen: Entstanden ist nicht nurein sehr ansprechendes Buch, sondern auch eine- man möchte sagenimbesten Sinne klassisch volkskundliche Annäherung an ein regional bedeut-sames Phänomen historischer und gegenwärtiger Alltagskultur.
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Als Einführung bringt der Band einen kulturhistorisch instruktiven Bei-trag von Bernd D. Insam, dem Verfasser des einzigen monographischenAufsatzes der letzten Jahre zum Thema von überregionaler Bedeutung.Hier wird vieles schon einmal angesprochen, was in den folgenden Ab-schnitten im Detail verfolgt wird. Durch Insams Ausführungen gewinnt dasBuch aber zugleich eine vergleichende Perspektive, und durch die Arbeitmit Bildquellen und literarischen Belegen geraten etwa auch die symboli-schen Bezüge der Frucht, ihrer Zubereitung und ihres Vertriebes ins Blick-feld.
Siegfried de Rachewiltz fragt zunächst nach den Anfängen einer Kasta-nienkultur im heutigen Tirol und kommt zu dem Schluß, daß diese nicht mitden Ursprüngen der Verbreitung des Baumes in der Römerzeit zusammen-fallen kann. Auch wenn im Mittelalter ein durch Quellen eindeutig beleg-barer reger Handel mit Kastanien über die Alpen hinweg betrieben wurde,begann die Kastanie für Wirtschaft und Ernährung der Bevölkerung imGebiet des heutigen Südtirol doch erst im Spätmittelalter jene prägendeRolle zu spielen, die ihr in der Folge bis ins 19. Jahrhundert zukam. Fürdiesen Zeitraum gelingt es dem Autor, detailreich und mit wunderschönsprechenden Quellen belegt, das komplexe ökonomische System des Kasta-nienanbaus zu umreißen. Die Nachfrage nach dem beständigen Holz desBaumes als Rebstecken und die vielfältigen Verwertungsmöglichkeiten derFrucht machten den Anbau von Edelkastanien zu einem wichtigen Faktorder Existenzsicherung für die ländliche Bevölkerung südlich des Brenners.Als Handelsware und als Nahrungsmittel für die ärmere Bevölkerung wardie Kastanie spätestens seit dem 16. Jahrhundert fest etabliert, und lediglichdie Einführung von Mais und Kartoffeln konnte die Bedeutung der Fruchtfür die ländliche Kost etwas schmälern.
Ganz anders- naturgemäß auch aus methodischer Sicht- gestaltet sichdie den ausführlichen historischen Sondierungen folgende gleichzeitig syn-chrone und diachrone Darstellung der Kastanienkultur. Ohne sich von der