Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

Bergen soziokulturelle Aspekte des Bergbauernproblems weit über dasÖkonomische hinaus, bis hinein ins Ideologische analysiert werden.

In dieser Aufgeschlossenheit, die Arnold Niederer übrigens auch fernabalpiner Volkskunde für die Neuerungen im Fach in den sechziger undsiebziger Jahren weit über das in einer anderen Alpenrepublik praktizierteMaß hinaus an den Tag gelegt hat, scheinen die primären Qualitäten derversammelten Arbeiten begründet zu sein. Auch wenn darin keine eigentli-che Theorie entwickelt wird, besticht die Sicherheit mit der sowohl lokalesMaterial interpretiert wird als auch breitgefächerte Belege aus dem gesam-ten Alpengebiet ausgebreitet werden( z.B. in der umfangreichen StudieTraditionelle Wirtschafts- und Kulturformen in den Alpen). Dieses heutesinguläre Wissen um die alpine Lebensweise vor und während der beschleu-nigten Modernisierung seit der Mitte dieses Jahrhunderts macht die Aufsatz-sammlung über den Wert der einzelnen Untersuchungen hinaus zu einernahezu unermesslichen Fundgrube. Man wird aber dadurch dennoch nurschwer über ein allgemein für den alpinen Raum bestehendes und auch inArnold Niederers jüngeren Arbeiten nicht wettgemachtes Defizit hinwegse-hen können. Die Rede ist von einer Art selbstauferlegter Blickbeschrän-kung, die gegenwärtige alpine Alltagskultur nicht eo ipso, sondern nur vordem Hintergrund der Transformationen historischer kultureller Praktikeninteressant erscheinen läßt. Das damit einhergehende Dilemma einer wach-senden Fragmentierung der Forschung betrifft freilich weniger Niedererseigene Arbeiten, als vielmehr künftige Unternehmen, die zwar auf allerleiWissen bezüglich chiffrenhafter Relikte, aber auf keine querschnittartigenDarstellungen gegenwärtiger Alltagskultur werden zurückgreifen können.Dieses Manko spiegelt auch der mit, in der Tat faszinierenden, dabei aberfast ausschließlich die intakte Welt der ersten Jahrhunderthälfte vorführen-den Photographien versehene Bildteil wieder. Er läßt leider die in schriftli-cher Diskursivität eingefangene Dynamik( eindrucksvoll beispielsweise imBeitrag Die alpine Alltagskultur zwischen Routine und der Adoption vonNeuerungen) weitgehend vermissen.

Dies alles kann indes der Tatsache keinen Abbruch tun, daß hier dank derumsichtigen Auswahl durch Autor und Herausgeberschaft sowie durch dieBereicherung des Bandes mit einem Register und einer Bibliographie einWerk vorgelegt werden konnte, das weit über seinen Sammlungscharakterhinaus für Arbeiten zur alpinen Alltagskultur in- und außerhalb der Volks-kunde kaum zu übergehen sein wird.

Bernhard Tschofen