Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVII/ 96, Wien 1993, 167–179
Wien in ungarischen Sprichwörtern
Von Béla Gunda
Es zeigt den Sinn des ungarischen Volkes für Humor, daß Zigeuner-viertel Glossar ::: zum Glossareintrag viertel größerer Städte und Dörfer nach Weltstädten benannt werden.So heißt etwa das Zigeunerviertel Glossar ::: zum Glossareintrag Zigeunerviertel der Städte Békés und CsongrádParis, in der Stadt Szarvas Krakkó( Krakau), in Makó Zigeuner Glossar ::: zum Glossareintrag Zigeuner- Wien( ung. cigány Glossar ::: zum Glossareintrag cigány Bécs), im Dorf Örtilos( Kom. Somogy) London. Oft wirddie Peripherie einer Ortschaft Wien( ung. Bécs) genannt, wie z.B. derwestliche Teil des Dorfes Tamási( Kom. Tolna). ,, Gehen wir nachWien Wasser holen“ sagen dort die Mädchen und Frauen. Wien heißtder obere Teil des Dorfes Aszaló( Kom. Borsod- Abauj), wo auch dieKirche steht. Im Komitat Vas entlang der österreichischen Grenzewerden manche Dorfteile, auch alte Herrenhöfe Wien genannt( Vönöck, Kemenesmihályfalva, Köcske, Nemesrempehollós. Bárdo-si 1982, S. 300, 310, 331, 417). In einem siebenbürgischen Dorf( Gyerovásárhely) lautet der Name der Heuwiese Wiener Garten. Aussolchen Ortsbezeichnungen wird eine Redewendung aus der Gegendvon Tokaj verständlich: ,, Du sollst dich nur nicht beklagen, wohnstja in Wien!" Gemeint ist freilich nicht die Hauptstadt Österreichs,sondern der Dorfteil, der im Volksmund Wien genannt wird. In diesemSpruch kommt gegenüber der örtlichen Armut- der Wiener Wohl-stand zum Ausdruck.
Aufschlußreich ist die Aufzählung ungarischer Redensarten, indenen die Stadt Wien erwähnt wird.'
In Siebenbürgen wird auch heute noch einem unscharfen Messernachgesagt: ,, In Wien ist ein Stock sein Gegenstück“ oder„, In Wienist sein Bruder ein Stock". Eine weitere Variante des Spruches: ,, Hier( in Siebenbürgen) Rasierklinge, in Wien das Gegenstück ein Stock."Des ungeschärften Messers„ Großvater war eine Rasierklinge in1 Die ungarischen Redewendungen haben eine überaus umfangreiche Literatur.Von den seit dem 16. Jahrhundert erschienenen Sammlungen und Aufarbeitungenführe ich nur einige an, die weitere Anleitungen enthalten. Soweit es die Quellenerlauben, bringe ich das Vorkommen des Spruches im 19. Jahrhundert und zu frühererZeit. Mehrere Sprüche und Redewendungen habe ich selbst aufgezeichnet.