Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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1993, Heft 2

Dinge ohne Erinnerung

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ster, daß die mittlerweile immer größer werdende Zahl jüdischerMuseen kaum mehr voneinander unterscheiden läßt. Im Zentrumsteht in Amsterdam, in Frankfurt, in Basel, Augsburg und anderswoimmer das jüdische Jahr mit seinen Festen, denen jeweils Ritualob-jekte zugeordnet werden: vom Schofar für das Neujahrsfest, Etrogund Lulav für das Laubhüttenfest über den achtarmigen Leuchter fürChanukka bis hin zum unvermeidlichen gedeckten Sedertisch So,als ob die Besitzer der kostbaren Tischgeräte nur gerade eben denRaum verlassen hätten.

Ein weiterer Abschnitt dieser Museen thematisiert dann das jüdi-sche Leben, wo Gegenstände vom Beschneidungsmesser über denHochzeitshimmel bis hin zum mittelalterlichen Grabstein zu sehensind. Ein den synagogalen Ritus aufgreifender Raum zeigt schließlichdie Tora und ihren Schmuck. Während diese Form der Präsentationals einzig mögliche hingenommen wird, erscheint hingegen die Vor-stellung, daß ein kulturgeschichtliches Museum Weihnachtsbaumund Osterei, Gebetsbuch und Weihwasserkessel zu den alles erklären-den Determinanten christlichen Lebens der letzten Jahrhunderte er-hebt, als kurios.

Allenfalls beigegebene zusätzliche Objekte zwei- oder dreidimen-sionaler Art, die so etwas wie Alltag repräsentieren sollen, kapitulie-ren vor der Aura dieser Artefakte. Jüdische Kultur wird auf einenidealen religiösen Ritus reduziert und exotisiert, wie er für die jüdi-sche Oberschicht bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ange-nommen werden kann. Wechselwirkungen zwischen jüdischer Min-derheit und christlicher Mehrheit, Symbiose ebenso wie Gewalt undVerfolgung, bleiben dabei ausgeklammert. Das Judentum wird alssoziale Gruppe mit über Jahrhunderte unveränderten Merkmalendargestellt. Damit stellen sich die Verfechter dieser Museumskonzep-tionen in eine seltsame Nähe zu jenen christlichen Vordenkern derEmanzipation, die das Judentum als eine kulturell isolierte und sta-gnierende, außerhalb der Gesellschaftsordnung stehende Minderheitbetrachteten. 43 Damit wird auch jene bereits zitierte Kritik, die amBeginn der Musealisierung jüdischer Kult- und Ritualobjekte imausgehenden 19. Jahrhundert stand, daß nämlich diese Beschränkungauf das Jüdische wiederum nur ausgrenzt, schlichtweg ignoriert.Außerdem geben die wenigen, erhalten gebliebenen Ritualgegenstän-43 Reinhard Rürup: Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur ,, Judenfrage"in der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1987, S. 16.