Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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Umschau

Bernhard Tschofen

ÖZV XLVII/ 96

Die Beschäftigung mit diesem Thema ist zumindest für den Ver-fasser relativ neu; und es gilt daher zu versuchen, anhand verschiede-ner Beobachtungen einige Fragen einzukreisen und ein wenig in dasForschungsgeschehen einzubetten. Von den folgenden Ausführungensind daher zunächst einmal keine ausgegarten Antworten zu erwarten,sondern vor allem recht rohe Appetithappen in der Art von Kenntnis-nahmen, Schlagworten und Vergleichen- die Zutaten mögen freilichnicht immer ganz richtig aufeinander abgestimmt sein.

Kein Zweifel herrscht in der Nahrungsethnologie darüber, daß dieIndustrialisierung der Produktions- und Lebensweise zwar einerseitsdas Nahrungsangebot weiter Bevölkerungsschichten vergrößerte, zu-gleich aber das gesamte Spektrum der möglichen Speisen und Geträn-ke zu konfektionieren begann.³ Diese Feststellung bezieht sich nichtnur auf Fertig- und Halbfertigprodukte, sondern auf den gesamtenkulinarischen Apparat, weil das industrielle Zeitalter mit Verkehr undKommunikation für wachsende Horizonte und ein Aneinanderrückender Regionen sorgte. Geregelte Essenszeiten, Menüfolgen und sichinternational immer mehr ähnelnde Speisepläne waren die Konse-quenz. Die Nahrung ging den Weg der Strukturalisierung und sieunterliegt dieser heute bei aller Vielfalt mehr denn je, so daß etwaRolf Schwendter in Steigerung des alten Begriffes von der interna-tionalen Küche nur mehr von einer Weltmarkstrukturküche spricht.Diese mache, so Schwendter deutlich kulturkritisch,

,, den hegemonialen Hauptstrom dessen aus, was aus der anwachsendenVerarmung folgt. Ihr Wesen besteht, pointiert, darin, industrialisierte Le-bensmittel kostengünstig aufzubereiten, standardisiert umzuformen undweltweit zu distribuieren. Es geht ihr dabei ähnlich wie dem sagenhaftenKönig Midas: alles, was sie angreift, verwandelt sich zu Ramsch. Und er istja auch für arme Leute gedacht, die ihr unbefriedigtes Speisegefühl imExtremfall durch das Aufsetzen einer Papierkrone kompensieren dürfen.Wie oben aufgezählt, saugt sie zur unterschiedlichen Vermantschung tradi-tionelle Arme- Leute- Essen und synthetische Industrielimonaden an sich,ehemalige bürgerliche Delikatessen und nationale Frühstücksgenüsse,Hausmannskost und exotische Glossar ::: zum Glossareintrag  exotische Arbeitsintensitäten, Abfallprodukte der Roh-3 Hans Jürgen Teuteberg, Günter Wiegelmann: Der Wandel der Nahrungsgewohn-heiten unter dem Einfluß der Industrialisierung. Göttingen 1972; dies.: Unseretägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung. Münster 1986.