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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVII/ 96
ersten freien Wahlen in Beograd 1990( S. 349- 375)( mit farbigen Abbil-dungen), wobei nicht weniger als 50 Parteien kandidiert hatten.
Alle diese Beiträge sind mit Fußnoten, der wesentlichsten Bibliographieund einer fremdsprachigen( meist englischen) Zusammenfassung versehen.Aus der thematischen Bandbreite ist auch zu ersehen, daß das Periodikumpraktisch als gemeinjugoslawisches Publikationsorgan funktioniert hat. Da-für sind künftig freilich kaum mehr die Grundlagen gegeben. Die Bespre-chungen( S. 379- 450) bringen wie üblich eine breite thematische Palettemit Beispielen aus dem gesamten Europa mit einer natürlichen Präferenzsüdslawischer und südosteuropäischer Arbeiten und bilden einen Spiegeldes geistigen„ Umsatzes“ im Zagreber Volkskundlichen Institut. Der ein-drucksvolle Band ist freilich noch vor den unfaßbaren Ereignissen konzi-piert und redigiert worden. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, daß dastraditionsreiche und leistungsstarke Forschungsinstitut nach der Normali-sierung der Verhältnisse seine fruchtbringende Tätigkeit auch in Zukunft inder gleichen erfolgreichen Weise wird fortsetzen können.
Walter Puchner
M. Μ. PAPAIOANNU, Δημοτικό τραγούδι και λαϊκός πολιτισμός[ Volkslied und Volkskultur]. Athen, Selbstverlag 1991. 119 Seiten.
Das schmale Bändchen des bekannten, linksorientierten, griechischenLiteraturkritikers bringt eigentlich weit mehr als eine ideologische Ausein-andersetzung mit der griechischen Liedforschung im Rahmen der„ nationa-len“ Aufgaben, die der griechischen Volkskunde im 19. Jahrhundert undvielfach noch im 20. Jahrhundert gestellt waren( dazu vor allem. M. G.Meraklis, Ο σύγχρονος ελληνικός λαϊκός πολιτισμός[ Rezente griechi-sche Volkskultur]. Athen 1973[ 1983], A. Kyriakidu- Nestoros, Odwpía tnsΕλληνικής λαογραφίας.[ Theorie der griechischen Volkskunde]. Athen1978, M. Herzfeld, Ours Once More. Folklore, Ideology and the Making ofModern Greece. Austin 1982, vgl. zu weiteren einschlägigen Studien auchW. Puchner, Wege der griechischen Liedforschung. Südost- ForschungenXLVIII[ 1989], S. 217- 235). Es wird versucht, die enge und wesentlicheBindung zwischen Liedproduktion und sozialer Strukturierung der Träger-schichten mit marxistischer Begrifflichkeit zu analysieren( ähnlich wie diesE. Kapsomenos mit Hilfe strukturalistischer Methoden unternommen hat,vgl. Puchner, op.cit.). Daß es dabei manchmal etwas schematisch zugeht,nimmt der Arbeit nichts von ihrem Reiz: sie ist in Form eines anspruchsvol-len Feuilletons geschrieben und geht vor allem mit der nationalistischenGeschichtsschreibung und Volkskunde ins Gericht( wobei die Gegenthesen