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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVII/ 96
Wolfgang SCHIVELBUSCH, Licht Schein und Wahn. Auftritte der elek-trischen Beleuchtung im 20. Jahrhundert. Berlin, ERCO Edition im Ernst& Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften, 1992, 143Seiten, zahlr. Farb- u. S/ W- Abb.
Die Idee, daß die Kulturgeschichte des Lichts nicht nur eine Geschichteder fortschreitenden technischen Erhellung ist, sondern wechselnden Be-dürfnissen und Idealen folgt, mag banal anmuten. Wolfgang Schivelbusch,hat dies in einem seiner Bücher für das 19. Jahrhundert, und dementspre-chend besonders für das Gaslicht, bereits gezeigt. Eine Wirkungsgeschichtedes elektrischen Lichtes im 20. Jahrhundert stand als Fortsetzung also an.Daß diese mehr als nur eine Chronik des Beleuchtungswesens sein würde,war zu erwarten auch wenn hinter der Publikation einer der führendenAnbieter von Speziallichtsystemen steht.
Der aufwendigst ausgestattete und durchgehend reich illustrierte Bandverdankt sein eindrucksvolles Erscheinungsbild einem bis ins Detail konse-quenten Gestaltungskonzept. Es rührt noch von dem im vergangenen Jahrverstorbenen führenden Graphikdesigner Otl Aicher her und ist bestens aufdie von Schivelbusch betriebene Art, Kulturgeschichte auszubreiten, abge-stimmt. Der Autor nun gliedert sein Material in acht locker miteinander verbun-dene Kapitel, die einerseits mehr oder weniger einer Chronologie folgen,andererseits durch ihre thematische Ausrichtung bereits auf bestimmte epo-chenprägende Licht- Mentalitäten verweisen. Damit gelingt es Schivelbusch,den Grundgedanken des gesamten Bandes im Detail zu verfolgen, ohne dieübergeordneten Perspektiven einer Technik- und Rezeptionsgeschichte aus denAugen zu verlieren:„ Das Licht, ob direkt oder indirekt, ist an sich neutral, wiedie Technik oder die Sprache. Bedeutung erhält es erst durch den, der esverwendet und ihm eine bestimmte Richtung und Gestalt gibt.“( S. 41)
Schivelbusch skizziert, ausgehend von der wahrlich fulminanten Ge-burtsfeier des elektrischen Lichtes bei der Pariser Weltausstellung des Jahres1900, die stets mit der Dialektik der Helligkeit ringende Geschichte derVerzauberung und Entzauberung durch Beleuchtung. Dabei kommen etwadie sich in der Lampengestaltung widerspiegelnden überkommenen Ge-wohnheiten aus der Zeit vor der Elektrifizierung genauso zur Sprache wiedie Möglichkeiten indirekten Lichts, die Revolutionierung des Bühnen-lichts- und damit des Theaters und des Films- oder die Gratwanderungenfaschistischer Lichtmystik. Durchgängig gelingt es Schivelbusch, sieht manvon dem mehr techniklastigen und vielleicht weniger reflektierten Schluß-kapitel ab, die Licht- und Beleuchtungsformen auf ihre Bedeutung zurück-zuführen: besonders eindrucksvoll beispielsweise in einem Abschnitt, dervon der Fortschrittschiffre der Röhre und dem Nachkriegslicht handelt oderin den mit Elektropolis überschriebenen Schilderungen urbaner und metro-politaner Lichtillusionen. Hier wird nachvollziehbar, wie sehr Film und