Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

bandes bei der Heirat der Söhne( sie verbleiben mit ihren Familien imväterlichen Sitz).

Das letzte Kapitel( S. 121- 158) setzt sich mit der Konzeption des homooeconomicus als inadäquater Hilfsvorstellung für die in Frage stehendenGesellschaftsformen auseinander. Die theoretische Diskussion wird hier imDetail aufgerollt und die, Ethnozentrik der kapitalistischen Analysemodel-le( Kapital, Profit", Rationalität usw.) aufgedeckt. Die Prognose für Grie-chenland läuft auf einen, mißgebildeten Kapitalismus hinaus, dessen Ana-lyse aber mit dem Modell der Unterentwicklung und Verspätung nurunzureichend betrieben werden kann, weil nicht alle wirtschaftlichen Vor-gänge dem ökonomischen Rationalismus der Wirtschaftstheoretiker unter-liegen( Mentalitäten, Werte, Sozialstrukturen usw.). Dies läßt sich an,, anachronistischen" Institutionen wie etwa der Nachbarschaftshilfe ein-leuchtend nachweisen, die weiterhin bestehen, obwohl ihre sozialwirtschaft-lichen Grundlagen eigentlich nicht mehr gegeben sind( Meraklis hat hiervon der Poetik der traditionellen Institutionen gesprochen, an denen alsAbwehrreaktion gegen die Verfremdung durch das Neue festgehalten wird).Die modellhafte Gegenüberstellung von alter( vorkapitalistischer) und neu-er( kapitalistischer) Wirtschaftsform ist freilich auch historisch zu differen-zieren, da traditionelle" Institutionen wie das tselingato( Hürdenorgani-sation) selbst bereits Übergangsformen darstellen. Eine tiefergehende Wirt-schaftsanalyse der Agrarformen müßte von solchen Klischeevorstellungenunbelastet sein.

Ein kurzer Epilog( S. 157f) faßt die methodischen Überlegungen zusam-men. Es folgt noch ein English summary( S. 159) und eine Auswahlbiblio-graphie( S. 161- 171) sowie ein Index( S. 173- 175). Das Buch ist anre-gend zu lesen und überrascht durch die Einfühlsamkeit und Elastizität, mitder das begriffliche Instrumentarium auf das Forschungsfeld angewendetwird( unübertroffen ist in dieser Hinsicht freilich die klassische Monogra-phie von J. du Boulay, Portrait of a Greek mountain village. Oxford 1974,vgl. meine Bespr. in Südost- Forschungen XXXVII, 1978, S. 442- 444),durch das Fehlen jeglicher Dogmatik in den theoretischen Diskussionen, dieüberaus erfreuliche Wiedereinführung historischer Dimensionen in diefunktionalen Strukturmodelle der Englischen Schule, die Strukturen, Ten-denzen, Systeme usw. als etwas Wachsendes und sich ständig Wandelndesbegreift. Die Verbindung gelebter Lokalkenntnis und mit geistiger Reifegehandhabter methodischen Instrumentarien verspricht wirklichkeitsnaheErgebnisse, ohne über dem Detail die Ganzheit zu vergessen und ohne dasForschungsfeld zu einem Exerzierplatz von theoretischen Begriffen undBegriffsformationen zu degradieren. Das Griechenland der Anthropologenist vielfach ein theoretisches Wolkenkuckucksheim", das Griechenland dertraditionellen Laographen ein kilometerlanger Fragebogen( die Antwor-ten in Zettelkästen verteilt), dessen unglaublichen Informationsreichtum