Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

migranten" in den Dokumenten der Einwanderungszeit geführt; ab wann siefür sich selbst den Sammelnamen Landler" in Anspruch genommen haben,ist wissenschaftlich nicht gesichert, man müßte diesbezüglich auf die nochnicht veröffentlichten Vorarbeiten Hellmut Klimas zurückgreifen. Sicher ist,daẞ bis heute Landler und Sachsen sich im Umgang miteinander ausschließ-lich bei diesen ihren Namen nennen, sonst steht bei den Sachsen derHermannstädter Umgebung noch der Begriff Heppinger(?) für die Land-ler aus Neppendorf. Das sächsisch- deutsch- landlerische Identifikationsmu-ster ist in Siebenbürgen demnach weit komplizierter, als der Autor annimmt,und hat im Laufe der Zeit historisch- politisch bedingte Verlagerungenerfahren. Das Bekenntnis und Hervorheben der Zugehörigkeit zur allgemei-nen deutschen Kultur im ausgehenden 19. Jahrhundert gehört mit zur Stra-tegie der Bewältigung des ungarischen Nationalismus im Rahmen der Dop-pelmonarchie und dient heute mehr denn je als kultureller Überlebensfaktor.Andererseits ist es gerade jenes aus einer im Laufe der Jahrhunderte ofterfahrenen Endzeitstimmung heraus entwickelte konservative Selbstwert-gefühl der Sachsen gewesen, welches auch auf die Landler abgefärbt hat, sodaẞ bis heute die beiden Gruppen ihre eigene Identität bewahren konnten.In diesem Sinne erklärt sich das oft widersprüchliche Verhalten: einerseitsein endloses geradezu kleinliches Gerangel um Prioritäten bei der Sitzord-nung in der Kirche, um sprachliche Rivalitäten im Brauchzeremoniell( S. 7480), andererseits das unbedingte Bekenntnis zum Zusammenhaltund zur gemeinsamen deutschen Kultur( S. 72).

Das Verdienst von Girtlers Buch liegt auf einer anderen Ebene als jenerder wissenschaftlichen Akkuratesse. Durch die methodologische Bevorzu-gung des freien Interviews" und der ungekürzt wiedergegebenen Texte,dazu die gekonnt eingebundene persönliche Ich- Bezogenheit erhält dasBuch eine emotionale Grundhaltung, die dem Titel entspricht: Großpold alseinmaliger Erlebnisraum mit seinen Menschen in Endzeitstimmung, mitderen Empfindungen, wie sie sich in subjektiver Widersprüchlichkeit imoffenen Gespräch manifestieren, als Spiegelbild einer Bewältigungsstrate-gie des höchst realen, Dazwischen- Stehens" zwischen Ost und West, Gehenoder Bleiben. Die Bevölkerung Großpolds kommt großzügig zu Wort, undder Autor versteht es, so gut wie alle in Frage kommenden Probleme zurStandortbestimmung der Landler im heutigen Rumänien ins Gespräch zubringen. Und dementsprechend weitgefächert ist auch der Buchinhalt: vom,, Landlerdorf Großpold und seinem eigentümlichen Zauber zu den, Dornenauf dem Weg", die Erfahrung der Deportation 1945- 1950 in sowjetischeArbeitslager als nationale Maßnahme und von da Zurückbesinnung auf dasvornationalistische Erbe des Protestantismus,( der) Arbeit und( des) Fleiß( es)"; hervorgehoben wird die Einstellung zum Kommunismus bei denLandlern, die ökonomisch- sozialen Umstellungen, die immer im Bezug aufdie mögliche Gefährdung der Ethnizität beurteilt werden, das deutsche