Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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1993, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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Die Besucher der Ausstellung sehe ich direkt vor mir: Junge Familien amverregneten Sonntagnachmittag, und im Fernseher läuft gerade auch nichtsGescheites. Die Mütter wiegen zunächst den Kopf ob der Plagen, von denensie heute befreit sind, dann nicken sie, weil ihr Erwin daheim sich ja wirklichauch kein Bein ausreißt, wenn es ums Staubsaugen und Wäscheaufhängengeht. Erwin selbst bückt sich höchstens im Museum zu einem der Apparatehin, weil ihn ein technisches Detail fasziniert. Und die Kinder..., ja, wo sinddie Kinder?

Was immer sie in der Ausstellung zu tun und zu denken angeregt seinmögen, im Katalog kommen sie schlechtweg nicht vor. Da aber liegt einerder Hunde, die solange begraben bleiben, solange lediglich Einzelaspektegeschildert und nicht als Teile eines Systems erkannt werden. Ohne Refle-xion des Ganzen bleibt der Haushalt ein putziges Thema und die Kritikverläßt kaum das Niveau eines gutsituierten Kaffeeklatschs.

Es geht einfach nicht um die Höhe von Geschirr- oder Wäschestapelnallein. Die Begriffe Hausfrau und Mutter, die so geschmeidig vereintüber die Lippen gleiten, wie sie die Realität zusammenschweißt, bezeichnenzwei völlig verschiedene Arbeitsprinzipien mit unvereinbaren Handlungs-und Zeitlogiken. Selbst im Zirkus wird von niemandem verlangt, daß er odersie zur selben Zeit und am selben Ort Eintrittskarten verkauft, die großeTigershow präsentiert, die Manege fegt, Clown spielt, zaubert und dieOrganisation des Ganzen in der Hand hat. Über das tägliche Jonglieren einerHausfrau und Mutter mit antagonistischen Vollzügen, die sich gegenseitigbehindern, wenn nicht gar torpedieren, muß man doch schreiben, wenn manandere über, die scheinbar so selbstverständliche Arbeit im Haushalt( S. 8)nachdenken lassen will!

Denn das ist der wesentliche Grund, wieso Maschinen und Rationalisie-rung das Problem der Hausarbeit nicht lösen. Das liegt am Arbeitsprinzipund nicht nur an der Aufstockung von Ansprüchen und der Verlagerung vonmehr manueller Tätigkeit zu mehr Beziehungsarbeit( wie es die neueFrauenbewegung etwas unglücklich formuliert hat). Vorbild für alle Re-formbestrebungen im Haushalt war die betriebliche Produktion. Die Grund-lage betrieblicher Rationalisierung und Zurichtung der Arbeit für ihre ma-schinelle Erledigung ist Ausdifferenzierung aller inhomogenen, den rei-bungslosen Ablauf störenden Elemente. Übertragen lassen sich die Prinzi-pien von Funktionalität und Rationalität nur dann auf den Haushalt, wennman das private Leben als produzierbares Gut definiert, das erst nach derErledigung unangenehmer Arbeit beginnen kann und dann laufen soll wieein fabrikneues Auto.

Ricarda Haase( und mit ihr ein Strang der feministischen Diskussion)trifft den Nagel nur am Rand, wenn sie den Haushalt als gesellschaftlichesProblem wertet, mit dem die Frauen alleingelassen worden sind. SolangeReproduktionsarbeit als lästige Pflicht und minderwertige Arbeit angesehen