Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

Ricarda HAASE, Das bißchen Haushalt..."? Zur Geschichte der Tech-nisierung und Rationalisierung der Hausarbeit. Katalog zur gleichnamigenAusstellung des Museums für Volkskunde in Württemberg, Waldenbuch,Stuttgart 1992.

Im Zirkus sind die Tiere gezähmt, und in kulturhistorischen Ausstellun-gen die Vergangenheit. So komplex oder brisant kann eine Entwicklung garnicht gewesen sein, als daß sie nicht doch Männchen machte, sobald sie denvolkskundlichen Dompteuren in die Hände geraten ist. Und wie die Tiger inihrer Possierlichkeit eher an die Vorstufen von Bettvorlegern als an wildeBestien erinnern, machen diese schönen alten Dinge, mit denen Volkskund-ler sich befassen, es schwer, sie vorzuführen, ohne ihnen gleichzeitig dasRauhe ihrer Herkunft zu nehmen.

Selbst wo sich der volkskundliche Paradigmenwechsel bis ins Museumdurchgeschlagen und den Objekten der industriellen Alltagskultur zuge-wandt hat, wie Prof. Himmelein im Vorwort zum Ausstellungskatalog ,,, Dasbißchen Haushalt..."?" schreibt, tut sich die Bettvorleger- Falle auf. Zu-gegeben, ich kenne die Ausstellung im Waldenbucher Volkskundemuseumnicht. Es liegt nur Ricarda Haases Katalog vor mir, in dessen Anhang zweiPhotos von der Präsentation abgebildet sind, auf denen- wie im Zirkus beimFinale alle Tiger auf ihren Podesten- die Bügeleisen, Herde, Staubsaugerund Kühlschränke zur Grande Parade formiert sind.

Ja, auch die Schleuder ist dabei, die wir früher daheim im Keller stehenhatten, von der dieser kaum stillbare Reiz ausging, in die wild rasendeTrommel zu greifen. Die Warnungen der Mutter schürten dies Verlangeneher als daß sie es bremsten, weil sie mit so schön schaurigen Bildern vonabgerissenen Armen garniert waren. Ich sensationshungriges Kind sah da-mals auch nur die Wildheit der Maschine und nicht die eigentliche Gefahr,die in den Bedingungen steckt, die sie schafft: Meine Arme habe ich heutebeide noch, aber meine Mutter kann mittlerweile nur mehr unter Schmerzenlaufen, weil die hausfrauliche Schmutzarbeit immer weitab vom gemütli-chen Familienleben in abgesonderten Räumen und grauen, feuchten Kellernstattzufinden hat, sobald Planer und Architekten sich der Gestaltung vonLebensräumen annehmen.

Der Katalog ist dabei überhaupt nicht unkritisch. In den ersten beidenKapiteln greift die Autorin die wesentlichen Aspekte von Elektrifizierungund Rationalisierung des Haushalts auf und illustriert sie in den letztenbeiden Kapiteln anhand der Entwicklung des maschinellen Waschens undKühlens. Es ist ein schöner kleiner und liebevoll gestalteter Katalog. RicardaHaase spart auch nicht an Hinweisen auf die ökologischen Folgen und mitKritik an der nach wie vor mangelnden Mitarbeit von Ehemännern.

Doch ihrem eigenen Anspruch, Leser und Besucher zum Überdenkenanscheinender Selbstverständlichkeiten anzuregen, wird sie nicht gerecht.