Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

Autors ist durch kein Können, kein Wissen, keine gesellschaftlichen Privi-legien garantiert, aber auch durch keine Authentizität, keine Nähe zumWirklichen, Profanen, Wahren. Ein Autor ist der kulturökonomischen Logikäußerst hilflos ausgeliefert, deshalb manifestiert gerade die kulturelle Inno-vation diese Logik am konsequentesten, die in anderen Bereichen desLebens genauso unerbittlich, aber verdeckt wirkt.( S. 163)

Bernhard Tschofen

Wolfgang BLEIER, Vorübergehend Indien. Bruchstücke aus indischenOrten. München, Raben- Verlag, 1992, 143 Seiten.

Um sein Buch besprechen zu können, muß ich an Wolfgang Bleierseigenen Worten Halt suchen: Bruchstückhaft. Zusammengeschrieben aufder Straße, im stickigen Hotelzimmer, sonstwo. Zum Verstocken, wie dieSprache immer wieder verstockt. Dazu gedacht."( S. 5f) Und indem ich vonmeinen Schwierigkeiten, etwas über dieses Buch zu sagen, spreche, bringeich ein wesentliches Merkmal dieses unbequemen Reiseberichts zum Aus-druck: Er löst Betroffenheit und Schweigen aus. Im unmittelbaren Erlebendes unbehaglichen Gefühls, das sich aus der Mischung von Abscheu, Mit-leid, Liebe, Zorn, Wut und Ohnmacht ergibt, liegt sein Ursprung. Einfühl-sam betrachtet der Autor das Elend der Ärmsten der Armen. Er bemüht sich,die Schuldigen auszumachen, doch ehe er gleichsam als Sprecher derEntrechteten Anklage erhebt, wird er sich seiner Rolle als Tourist aus demreichen Europa bewußt, richtet einige der Vorwürfe gegen sich selbst undverstummt. Immer wieder bin ich als Leser erschrocken, wenn ich mich aufeinmal mit Schuldgefühlen und Selbstverachtung alleingelassen fand. Dochzur Distanznahme blieb keine Zeit, schon war ich wieder hineingezogen insChaos des indischen Alltags. Eindringlich schildert Wolfgang Bleier diesesLand, in dem ekelerregende Häßlichkeit und grenzenlose Schönheit un-trennbar miteinander verwoben sind. Doch die Wirklichkeit, die mit dersensiblen Beschreibung oft winziger Details mühe- und vor allem kunstvollaufgebaut wird, zerstören stets von Neuem hervorbrechende Zweifel aneben dieser Wirklichkeit; sie wurzeln in der Erfahrung von Fremdheit.Alptraumartiges Fremdheitsgefühl durchzieht das ganze Werk.

Brechen wir durch die dünne Schicht der Wirklichkeit, so erscheint derBoden, auf dem wir uns gerade noch sicher wähnten, als Illusion. Ist einTourist, ein ,, Vorübergehender"- wie Wolfgang Bleier diesen Typus tref-fend charakterisiert- überhaupt fähig wahrzunehmen? Oder ist alles bloßdas Gegenteil von Wahrnehmen, nämlich Falschnehmen( S. 31f)?

,, Der Vorübergehende hat keine Wurzeln hier, er weiß es, will auch keineund die, die ihn sehen, wissen es, daß er hier keine Wurzeln hat.... KeineFrage möglich, keine Antwort, nicht einmal ein Mißverständnis, bestenfalls