Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVII/ 96

der Sicht des Außenstehenden vermerkt-, daß es in der Schweiz bei allemgelegentlichem Kulturpessimismus eine gewissermaßen patriotische Wis-senschaft zu geben scheint, die sich nicht scheut, zur kulturellen Bestim-mung ihres Landes beizutragen. Interessant, daß ihr Gesamtbefund ähnlichlautet, wie auch ein- zugegebenermaßen aus subjektiver Lektüre resultie-rendes Resümee über die Schweizer Volkskunde formuliert sein könnte:radikal modernisiert, aber durch ein Geflecht überlieferter Orientierungenlängst nicht so identitätslos wie ein erster Blick glauben machen könnte.Paul Hugger und sein Stab haben mit der Zusammenstellung und derDetailqualität ihres Handbuches der schweizerischen Volkskultur den Maẞ-stab für jede weitere Gesamtdarstellung festgelegt. Sie haben gezeigt, daßes unter den entsprechenden Vorzeichen weder unmöglich, noch entbehrlichoder garwie lange geglaubt- suspekt ist, von Zeit zu Zeit die Totale zuwagen. Und sie haben darüber hinaus mit einem durchgängig Respekterheischenden Niveau und mancher brillanten Einzelleistung gezeigt, daßeine Volkskunde, die sich, gewappnet mit den Erfahrungen aus manchenStürmen und Experimenten, ihrer angestammten Zuständigkeiten besinnt,weder unengagiert noch reproduzierend oder affirmativ sein muß.

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Bernhard Tschofen

Boris GROYS, Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie. Essay.München, Edition Akzente im Carl Hanser Verlag, 1992; 195 Seiten.

Zu den Kernthemen jeder Kulturwissenschaft zählt die Frage nach derInnovation, nach der Valorisierung des Neuen. Boris Groys, MünsteranerRussischer Geisteshistoriker, hat darüber ein Buch geschrieben. Es relati-viert vieles, was in den letzten Jahren über das Neue gesagt worden ist: aufeine erfrischend undogmatische Art und mit dem Blick für das Wesentliche.Groys entwickelt seine Gedanken vor allem an den Mechanismen derkünstlerischen Inwertsetzung; dies, weil die Beispiele dafür jedermannpräsent sind und der Bezugsrahmen, die Begriffe und Metaphern vergleichs-weise vertraut sind. Aber die Theorien des Neuen lassen sich mühelos aufFelder der Alltagskultur übertragen, zumal Groys mit einem erweitertenVerständnis von Kulturökonomie operiert.

Auf die Frage, wie das Gewöhnliche wertvoll, wie Marcel DuchampsPissoir ,, Fontäne etwa zur Kunst wird( Groys bemüht absichtlich herausra-gendste Beispiele des populären und wissenschaftlichen Diskurses über dieModerne), gab es in der Kunsttheorie bislang zwei konkurrierendeArgumentationsweisen: Die eine berief sich auf die künstlerische Urheber-schaft, die andere auf die Bereitschaft des Marktes, solches als Kunst zuakzeptieren. Groys hält beiden eine dritte, banal anmutende, dabei aber einer