50
Chronik der Volkskunde
ÖZV XLVII/ 96
in Maria Brunn bei Wien aufgelassen und der BOKU als zweite Fakultäteinverleibt. Sie wurde in der Skodagasse 17 untergebracht und am 12.Oktober 1875 eröffnet.
In seiner Rede beim Gründungsfest der BOKU im Oktober 1872 stellteder Ackerbauminister Johann Ritter von Chlumecky fest:„ Die Hochschulefür Bodenkultur soll ausschließlich der Pflege der Fachwissenschaft inLehre und Forschung geweiht sein. Leben und Wissenschaft sind aufeinan-der verwiesen. Das Studium der Natur hat aufgehört, in geheimnisvoller,geheimnistuerischer Weise nach unerreichbaren Problemen zu jagen. Die Na-turkräfte den Bedürfnissen des Lebens dienstbar zu machen, das ist das Ziel."Der Gründungsrektor Dr. med. Martin Wilckens versprach den Studie-renden ,, wissenschaftliche Bildung" und wandte sich gegen eine nur ampraktischen Nutzen ausgerichtete Lehre. Es gehe darum,„ den der Jugendeigentümlichen Idealismus durch den wissenschaftlichen Idealismus zuveredeln, zum Denken anzuregen und die Fähigkeit beizubringen, selbstän-dig zu urteilen und selbst eigen zu forschen“.
Von Anfang an wurde an der BOKU die Beziehung von Natur undGesellschaft mit Hirn, Herz und Hand vollzogen. Wesentlich wurden hierdie besonderen Verbindungen von Forschung und Lehre und von Theorieund Praxis. Bald wurde für die Hochschule der akademische Name„ AlmaMater Viridis verwendet. Erst später wurde in der Umgangssprache derStudierenden die Kurzbezeichnung BOKU gebräuchlich. Von Anfang anwaren an dieser neuen Hochschule eine Vielfalt von Disziplinen vertreten.Vereinfachend kann man aber schon damals die Dreifaltigkeit der BOKUerkennen: biologisch- ökologische, naturwissenschaftlich- technische undsozial- und wirtschaftswissenschaftliche Disziplinen. Die naturwissen-schaftlichen und die technischen Fächer standen und stehen im Vordergrund.
Die BOKU war von Beginn an sehr bescheiden ausgestattet, obwohlgerade in der damaligen Zeit viel investiert wurde. Denken wir an dieKaiser- Franz- Josephs- Bahn, die Ostbahn und die Nordwest- Bahn, an dieDonauregulierung, den Bau des Donauuferdammes, der ersten Hochquel-lenwasserleitung, der Wiener Hofoper, des Künstlerhauses, des Musikver-einsgebäudes, des Museums für Kunst und Industrie, des Stadttheaters, derAllgemeinen Poliklinik. Zu erinnern ist auch an die Wiener Weltausstellung1873, den Bau der Rotunde, an die Grundsteinlegung des neuen Rathausesund der neuen Universität, an den Nordwestbahnhof und an den Südbahn-hof, an die Vorortetramway und die Zahnradbahn auf den Kahlenberg, anden Bau des Ringtheaters und der Akademie der bildenden Künste, an dieErrichtung der neuen Börse, der Kronprinz Rudolfs- Brücke, des städtischenLagerhauses, der Donauuferbahn und des Zentralfriedhofes. Aber die neu-artige naturwissenschaftlich- technische Hochschule mußte auf ein eigenesGebäude noch warten. Einer ihrer Rektoren, Wilhelm Exner, berichtet inseinen Lebenserinnerungen:„ Jeder Rektor und jedes Mitglied des Profes-