Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
49
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1993, Heft 1

Chronik der Volkskunde

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Rede zum 120. Geburtstag der Universität für Bodenkultur imehemals Graf Schönborn'schen Palais in der Laudongasse am1. Oktober 1992

Auf verwittertem Marmor ist auf dem Hauptgebäude der Universität fürBodenkultur in der Gregor Mendelstraße 33 in goldenen, aber schon ver-blaßten Lettern zu lesen: Gegründet durch das Gesetz vom 30. April 1872eröffnet am 1. Oktober 1872". Deshalb feiern wir heute 120 Jahre BOKUund blicken zurück ins vorige Jahrhundert:

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Als Folge des Ausgleichs 1867 ging die Agrarhochschule Ungarisch- Al-tenburg heute die Pannon Tudomany Egyetem MosonmagyarovarUngarn über. Die Österreicher wollten einen Ersatz für die bis dahin beidenReichshälften gemeinsame Hohe grüne Schule. Der erste österreichischeAgrarkongreß 1868 trat für eine eigene österreichische Hochschule fürBodenkultur in Cisleithanien ein.

Politik und Bürokratie unterstützten dies. Daher beschloß das Parlament1869 die Errichtung einer neuen, Land- und Forstwirtschaft umfassendenwissenschaftlichen Hochschule. Der dafür bewilligte Betrag von 30.000Gulden war allerdings sehr gering. Immerhin hatte man erkannt, daß eineisolierte Agrar- Akademie irgendwo draußen am Land den großen Heraus-forderungen der Bodenkultur nicht genügte. Zu sehr wäre dort der Blickdurch lokale Verhältnisse beschränkt, zu sehr hätten Regionalinteressenüberwogen, zu sehr wäre nach dem unmittelbaren, praktischen Zweckgefragt worden. Die Hochschule wäre eine Fachschule geworden. SolltenForschung und Lehre der Bodenkultur nicht direkt auf die traditionellenUniversitäten oder Technischen Hochschulen verlegt werden, so mußte eineneue Hohe Schule an einem Zentralort der Wissenschaften errichtet werden.Wien war der zweckmäßigste Standort. Denn hier gab es schon die Univer-sität, die Technische Hochschule, die Tierärztliche Hochschule, Akademien.Die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien war auch das Zentrum der Wis-senschaften und Künste. Nicht zuletzt konnte hier durch Ergänzungen undKombinationen die kostengünstigste Lösung getroffen werden.

Man suchte nach einer Heimstätte für die neue Hochschule. Zuerst hättesie im ,, Fürstenhof gegenüber der Tierärztlichen Hochschule untergebrachtwerden sollen. Da aber das ehemals Graf Schönborn'sche Gartenpalais inder Laudongasse im 8. Bezirk zu günstigen Bedingungen von der Stadt Wiengemietet werden konnte, kam die BOKU in die Josefstadt. Deshalb feiernwir heute hier.

Die notwendigen Adaptierungen und Zubauten kosteten rund 100.000Gulden. Trotzdem war für die Forstwirtschaft bei der Eröffnung im Oktober1872 noch kein Platz. Sie mußte noch drei Jahre warten: Dann kam es durcheine Art Gnadenakt des Kaisers wieder zu einer kostengünstigen Entschei-dung: Durch Allerhöchste Entschließung wurde 1875 die Forstakademie