Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
45
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band XLVII/ 96, Wien 1993, 45- 46

Mitteilungen

Replik zu Johannes Moser: Die Bürde der Würde.In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde XLVI/ 95,

Heft 3, 369

373

Von Roland Girtler

Meine erste Reaktion auf den wenig freundlichen Aufsatz des Herrn J.Moser zu meinen Ausführungen über die, Würde des Radfahrens..." in Ihrerwerten Zeitschrift war Verärgerung, nicht wegen der Überlegungen zumeiner Beziehung zum Fahrrad oder zu meinen wissenschaftlichen Ambi-tionen. Sondern weil der Autor mehr oder weniger kühn glaubt, die Volks-kundler vor mir warnen zu müssen. Dies kränkt mich, da ich mich sehr IhremFach und den in ihm werkenden und lehrenden Menschen verbunden fühle.Gestatten Sie mir dennoch ein paar Gedanken zu meiner wissenschaftli-chen bzw. methodischen Ausrichtung, um eventuellen Mißverständnissenzu meiner Person als Forscher zu begegnen. Ich sehe mich in der deutschengeisteswissenschaftlichen Tradition von Dilthey, Windelband, Max Weberund vor allem von Georg Simmel, einer Tradition, die schließlich für dieChicagoer Schule der Soziologie bestimmend wurde. Leute wie Robert EzraPark, dessen Stadtstudien für mich vorbildhaft sind, reisten vor 1900 nachDeutschland, um hier bei Simmel u.a. zu hören. Georg Simmel, der hoch inden USA geachtet ist, schrieb seine Gedanken in wissenschaftlichen Essaysnieder. Ein gutes kulturwissenschaftliches Essay hat, so glaube ich, einigenWert. In diesem Sinne verstehe ich meinen in Ihrer Zeitschrift erschienenenAufsatz.

Und Robert Ezra Park riet seinen Studenten, die Stadt zu erwandern, umdie in ihr lebenden Kulturen kennenzulernen und sie zu beschreiben. Diesergroße amerikanische Soziologe und Kulturwissenschaftler wußte, warum erzum Fußmarsch aufrief.

Wenn ich das Radfahren verkläre, so eigentlich durchaus im Sinne vonPark, da man als Radfahrer eine tiefe Beziehung- so ergeht es mir zumin-dest zum Menschen und seiner kulturellen Umwelt sich erfahren kann,etwas, das dem Automobilisten kaum möglich ist. Park und somit auch ichknüpfen daher an Gedanken an, wie sie bereits der frühe Volkskundler W.H. Riehl geäußert hat, überhaupt wenn dieser meint, man müsse das Dorfoder die Gegend, die man studiert, sich erwandern und sie von oben sehen,