Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
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1994, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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tiegel des nationalen Zusammenrückens( S. 32); Frauen leisten keinenobligatorischen Wehrdienst, und das ,, Zusammenschmelzen" mag zwarverschiedene Klassen, kaum aber Sprachgruppen betreffen. Die schweizeri-sche Lebenswelt des 20. Jahrhunderts ist kulturell und politisch sehr starkvon der Gegenwart nichtschweizerischer Gruppen geprägt: Arbeitsmigran-ten aus dem südlichen Europa( die einzig in Bildtafel 12 auftauchen),politische Flüchtlinge, zuerst aus Osteuropa und seit mehreren Jahrzehntenaus aller Welt, und Touristen, die nicht zuletzt das Ihre zur Bildung undAufrechterhaltung der Ideologie der Hirtenidylle beigetragen haben. In einertranskulturellen Gegenwart begibt sich jegliche Ethnologie zunehmend aufsGlatteis, die Nationalkulturelles aus dem realen und medialen, multinatio-nalen und pluriethnischen Zusammenspiel herauskristallisieren will. Daßhierzu in der europäischen Ethnologie nur wenige Leitbilder bestehen, sollteAnsporn zu neu konzipierter ethnographischer Arbeit sein.

Regina Bendix

Johanna ROLSHOVEN, Martin SCHARFE( Hg.), Geschichtsbilder.Ortsjubiläen in Hessen(= Beiträge zur Kulturforschung, 1). Marburg, JonasVerlag, 1994, 126 Seiten.

,, Aber es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Schätzungderselben, bei der das Leben verkümmert und entartet: ein Phänomen,welches an merkwürdigen Symptomen unserer Zeit sich zur Erfahrung zubringen jetzt ebenso notwendig ist, als es schmerzlich sein mag." NietzschesVerdikt über den Nachteil der Historie für das Leben gilt zweifellos auchhundertzwanzig Jahre später; und ,, merkwürdige Symptome" für das ange-prangerte ,, historische Fieber" orten die Herausgeber des ersten Bandes derneuen Marburger Reihe ,, Beiträge zur Kulturforschung" ebenfalls zur Ge-nüge: Heimatkunde und Heimatkunden sind in ausufernder Mode, Ortschro-niken, Denkschriften und lokalhistorische Bildbände finden sich heute be-reits auch für die marginalste Gemeinde auf dem Publikationsmarkt- Zei-chen einer ubiquitären Tendenz zur Historisierung, für jenes ,, unstillbareInteresse am Vergangenen, das sich ebenso in der nicht abebbenden Haussevon Museumsgründungen, in denkmalpflegerischer Stadt- und Dorfsanie-rung, in romantisierend- historischen Festumzügen und selbst noch in denallwochenendlichen Flohmärkten mit ihrem breiten nostalgisch- antiquari-schen Angebot manifestiert.

Auf der im angezeigten Band dokumentierten wissenschaftlichen Jahres-tagung 1992 der Hessischen Vereinigung für Volkskunde wurde diesemrezenten antiquarischen Bewußtsein nachgegangen. Dabei nähern sich die