Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
496
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVIII/ 97

Paul HUGGER, Die Schweiz zwischen Hirtenidylle und High- Tech- Per-formance. Eine volkskundliche Annäherung(= Buchreihe der Österreichi-schen Zeitschrift für Volkskunde, Neue Serie, Band 10). Wien, Selbstverlagdes Vereins für Volkskunde, 1993. 63 Seiten, 15 S/ W- Abb., 4 Karten.

Nach seiner herausgeberischen Tätigkeit am dreibändigen, umfassendkonzipierten Handbuch der Schweizerischen Volkskultur( 1992) hat PaulHugger nun auch eine Kurzdarstellung der Schweiz vorgelegt. Das Büchleinist in zwei Hauptteile gegliedert. Im ersten Teil werden geographisch- regio-nale Aspekte und deren Verbindung zu( Land-) Wirtschaft, Sprache, Religionund politischer Geschichte und Gegenwart zusammengefaßt. Im zweitenwerden kulturelle Hauptmerkmale herausgearbeitet, wobei Vereinswesenund Jahresrituale, Arbeitsethos und Mobilität, nationale Mythen und politi-sche Bewegungen besonders hervorgehoben werden. Die Darstellung istallgemein gehandhabt, wird aber bisweilen durch prägnante Beispiele ins-besondere aus der französischen Schweiz- Huggers bevorzugtem ethnogra-phischen Raum spezifiziert, eine Vorliebe, die sich auch in den biblio-graphischen Verweisen zu jedem Themenblock zeigt.

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Treu seinem Interesse an Film- und Photodokumentation hat Hugger eineBildreportage mit 15 Photos von 1960/61 aus einem Pressearchiv beigefügt.Leider wird weder erwähnt, weshalb für eine Publikation im Jahr 1993 diesezwei Stichjahre herausgegriffen wurden, noch werden im Text selbst direkteBezüge zu den Bildern erstellt- was die aufmerksamen LeserInnen jedochzweifelsohne mit den meisten Bildern selbst tun können. Dennoch bleibt dieFrage des zeitlichen Rahmens dieser Arbeit unklar: Manche Themen, wiez.B. Mobilität oder Einkommensdisparität, erstellen den Bezug zur Gegen-wart, andere( Vereinswesen, Arbeitsethos, nationale Mythen) haben eher fürdie zwei Nachkriegsjahrzehnte als für die 80er und 90er Jahre Geltung.Hirtenidylle und High- Tech- Performance, die Schlusselworte des Titels,bleiben im Text selbst fast unbetont. Während einige wenige Bemerkungenzur schweizerischen Tendenz der Hirtenmythologisierung fallen, bleibengegenwärtige Wellen, wie z. B. die ,,( Wieder-) Entdeckung der ,, Urmusik,unerwähnt, und der Einfluß der High- Tech- Kultur auf Alltag und Politikwird nur indirekt behandelt.

Wie Hugger verschiedentlich betont, ist die Schweiz als komplexes,pluriethnisches Gebilde schwierig zu erfassen, und man darf vielleicht inErwägung ziehen, daß auch Schweizer VolkskundlerInnen je nach regionalerHerkunft und Mentalität eine andere ,, Annäherung" an ihr Land bevorzugenund andere oder zusätzliche Aspekte als charakteristisch hervorheben wür-den. So scheint mir die hier vorgestellte Lebenswelt schweizerischer Plu-riethnizität fast künstlich auf Schweizer( und weniger auf Schweizerinnen)bezogen, insbesondere im Hervorheben der Armee als ,, wichtigem Schmelz-