Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 425- 452
Lokale Identität und die Erfindung von Tradition:Das Maisingen von Terni/ Italien
Stefano Cavazza
Gegenwärtig kann in Italien kulturell und vor allem politisch eineNeubewertung der Regionen beobachtet werden. Dies mag nach einerlangen Zeit der Betonung der Nationalkultur überraschend erschei-nen. Trotzdem: Wie das hier analysierte Beispiel, das den Brauch desMaisingens in der umbrischen Stadt Terni zeigt, können vielfältigeTraditionslinien dargelegt werden, die das Verhältnis Nation- Regi-on bestimmen und die gleichzeitig dem Versuch entsprechen, Volks-kultur als identitätsbildende Kraft einzusetzen.¹
Der hier thematisierte Cantamaggio ist ein in vielen GegendenItaliens bekannter Brauch. Dabei ziehen in der Nacht des 30. AprilGruppen singend von Haus zu Haus und erhalten dafür Naturalien.Der Cantamaggio von Terni hingegen ist eine Übertragung in dieStadt, die bedeutende inhaltliche und formale Veränderungen desMaisingens mit sich brachte. Obwohl er heute als der typischsteBrauch der Stadt gilt, ist er doch jung. Er geht in seiner organisiertenForm auf das Jahr 1922 zurück. Um den Cantamaggio verstehen zukönnen, ist es notwendig, schrittweise zentrale Organisationen undTransformationen zu benennen. Vor allem aber hängt die Bedeutungdes städtischen Maisingens mit der spezifischen Bewertung vonVolkskultur zusammen. Diese mag Parallelen zu dessen Behandlungim deutschsprachigen Raum aufweisen, gleichzeitig aber treten auchspezifische, für die italienische Kultur typische Merkmale in denVordergrund.
1 Anm. des Übers.: Auf ortsspezifische Quellen- und Literaturangaben wurde hierweitestgehend verzichtet. Diese finden sich teilweise bei Stefano Cavazza:Trasformazioni di una festa urbana: il Cantamaggio ternano. In: Quaderni storici,XXII, 1987, S. 901- 914; vgl. auch: Ders.: Tradizione regionale e riesumazionidemologiche durante il fascismo. In: Studi Storici, 2-3, 1993, S. 625- 655.