Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
373
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 373- 394

Volkskunst und Primitivismus

Bemerkungen zu einer kulturellen Wahrnehmungsform

um 1900¹

Von Gottfried Korff

1.

Die folgenden Überlegungen fügen sich auf den ersten Blick inVorstellungen, die seit einiger Zeit Konjunktur haben und sogardrohen, zur Marotte zu werden. Vermehrt nämlich ist die Rede davon,daß die Jahrhundertenden( und auch wenden) durch spezifischeDenkfigurationen und Ideenkonstellationen gekennzeichnet seien,die ihre Mitte in anthropologischen Reflexionen und Stand-ortbestimmungen hätten. So wird behauptet, daß die Jahrhunderten-den Verdichtungszeiten eines Nachdenkens über das Verhältnis vonMensch und Natur, von Fremd und Eigen, von Fortschritt und Ge-schichte seien.² Auch wenn ich starke Vorbehalte gegen Behauptun-gen dieser Art habe( weil sie meiner Ansicht nach empirisch nichtnachweisbar sind), lasse ich mich auf sie ein, denn das Thema, umdas es heute geht, hat eine Geschichte, die etwa vor hundert Jahrenbeginnt, aber auch zurückweist auf Denk- und Handlungsstrategien,die im Ideenhorizont des späten 18. Jahrhunderts profiliert wordensind.

Die Jahrhundertenden als kulturreflexive Verdichtungszeiten:Solch eine Vorstellung liegt natürlich nahe, weil sie sich auf der Linieeines neuzeitlich- modernen Kulturverständnisses bewegt, das durchund durch von Räsonement und Kommunikation, von Selbstverge-wisserungen und Selbstthematisierungen kultureller Deutungseliten

1 Vortrag im Rahmen der Generalversammlung des Vereins für Volkskunde am 18.März 1994. Die mündliche Form wurde beibehalten und lediglich um Nachweiseergänzt.

2 Vgl. dazu Konrad Köstlin: Das ethnographische Paradigma und die Jahrhundert-wenden. In: Ethnologia Europaea 24( 1994), S. 5- 20.