Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVIII/ 97

Jürgen HASSE, Heimat und Landschaft. Über Gartenzwerge, CenterParcs und andere Ästhetisierungen. Wien, Passagen Verlag, 1993.97 Seiten,

5 S/ W- Abb.

Über ästhetische Dimensionen der Identitätsbildung hat der HamburgerGeograph Jürgen Hasse einen kleinen Essay geschrieben, einen Essay, indem er anhand konkreter Fallbeispiele antritt, Tendenzen in einem ,, allge-meinen Prozeß der mimetischen Umweltgestaltung( S. 32) zu beschreiben.Was heißt das?

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Hasse geht mit anderen davon aus, daß die( von ihm viel bemühtesog.) Postmoderne das emotionale Verfügen über Landschaft noch einmalgrundlegend verändert hat, und daß die gegenwärtigen Ästhetisierungen vonNatur wiederum auf gesellschaftliche Konstellationen zurückwirken. Umdiese neu gewonnenen Qualitäten, ihre Bedeutung und die Strategien ihrerPlazierung ist es dem Autor gelegen. Sein Schreiben bestimmen die beidentitelgebenden Utopien Heimat und Landschaft, wobei erstere wegen ihrerReduktion auf das Räumlich- Ästhetische nur unscharfe Konturen gewinnt,letzere aber griffig gefaßt- als vermittelndes Abstraktum der utopischenVersöhnung mit der Natur- die Argumentation bestimmt.

Den Zusammenhang zwischen Heimat und Landschaft sucht und findetHasse in den großen und kleinen Gärten; er liest sie historisch und dann vorallem gegenwartsorientiert als Ergebnisse mimetischer Prozesse, als Zeug-nisse sowohl einer nachschaffenden als auch einer verändernden Kraft.Mimesis begreift er mit Wulf als einen Weg ,,, auf dem sich der Mensch derUmwelt, den anderen Menschen oder auch kulturellen Produkten ähnlichmacht und sie dadurch in sich aufnimmt( S. 32). Gleichzeitig geht er aufDistanz zu der lange Jahre diskussionsbestimmenden Unterstellung kom-pensatorischer Fähigkeiten des Naturerlebens; die Versöhnung mit der Na-tur größte Utopie der Moderne- könne auch keine noch so idealisierteLandschaft bringen. Als Zeugen werden die künstlichen Gärten der Indoor-Recreation namhaft gemacht, Spaßbäder, Aquadroms, Erlebnisparks, diesich der Aneignung konsequent verweigern, weil sie keine Natur mehrnachstellen, sondern sie rundum ersetzen: Selbst die Sinneswahrnehmungist von der Außenwelt abgekoppelt. Ähnlich verfahren Simulationen wieEuro- Disney oder Werbelandschaften; sie bedienen sich der ,, Dissuasion"( Baudrillard), weil sie von vornherein irreale Utopien anbieten, den Scheindurch Schein überlagern und anästhetisieren, was eigentlich ästhetisiertwird. Bestes Beispiel sind Autowerbungen, welche die Autos verschwindenlassen und dafür Natur ins Bild rücken. Hasse spielt solches an einigenBeispielen durch( Werbung für Herrenbekleidung durch erhabene Natur,Werbung für die Dienstleistungen einer Bank durch romantische Landschaftund Werbung für einen Mineralölkonzern durch ästhetisierte Naturfragmen-te); das Verdienst liegt dabei in der Analyse und begrifflichen Ordnung