Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVIII/ 97

Ost und West angesiedelte Position einnehmen. Dieses ständig thematisierteSpiegelbild zu Österreich macht die Publikation für heimische Volkskundlerausgesprochen lesenswert. In Ungarn- wie im übrigen auch in Österreich-mag das behandelte Thema, darauf macht einleitend Tamás Hofer aufmerk-sam, nur zuweilen wirklich handlungsleitend sein, aber als nationale Legen-den sind sie Teil eines auch politisch aktivierbaren Alltagslebens. Dies gibtder Ausstellung und dem Katalog eine kulturpolitische Bedeutung, zumalauch ausführlich Volkskultur und die Rolle von Volkskundlern während derletzten zweihundert Jahre analysiert werden.

Katalin Sinkó, dem österreichischen Leser bereits durch ihren AufsatzDie Milleniumsfeier Ungarns im Katalog ,, Das Zeitalter Kaiser Franz Jo-sephs. 2. Teil 1880- 1916"( Wien 1987) bekannt, behandelt die West- Ost-Plazierung Ungarns durch die von unterschiedlichen Eliten betriebenenKulte um die beiden in Konkurrenz gesetzten Nationalhelden, um Arpád undden Hl. Stefan. In dieser Rezeption historischer Persönlichkeiten zeigt sichein genereller Prozeß der Symbolisierung, der zu zwei unterschiedlichenSets von Identitäten führte: Während der Arpád- Kult von Protestantengefördert wurde, den Willen des Volkes zur Nation verkörperte und für den, Osten stand, wurde die Symbolisierung des Hl. Stefans von Katholikenbetrieben, die eine Nation von oben favorisierten und eine ZuordnungUngarns zum ,,, Westen" befördern wollten. Diese Polarität führte auch zuunterschiedlichen Verständnisformen von Nation: Risorgimento- Nationa-lismus oder übernationaler Staatsnationalismus. Derselbe Dualismus prägtedenn auch das Verhältnis der handelnden Eliten zur Bevölkerung, er konntevolkstümlich oder urban sein.²

Der ausführliche, m.E. inhaltlich brillante Aufsatz von Tamás Hofer gehtvon ähnlichen Thesen aus. Er thematisiert die Konstruktion eines ,, volks-kulturellen Erbes in Ungarn als konkurrenzierende Fassungen einer natio-nalen Identität. Tatsächlich war die Bedeutung, die das Konstrukt Volkskul-tur für die Etablierung eines nationalen Symbolsystems hatte, in Europahöchst unterschiedlich. Aber selbst in Osteuropa läßt sich eine Trennlinieausmachen: In Nationalbewegungen, die sich auf einen mittelalterlichenStaat beziehen konnten( wie Polen oder Ungarn), blieb die Bedeutung vonVolkskultur relativ gering und wurde bestenfalls zu einem Subsystem derNationalkultur. Hingegen rekurrierten Nationalbewegungen, die diese Res-source nicht hatten( wie Bulgarien oder Serbien), bewußt auf eine bäuerli-che, die Nation verkörpernde Kultur. Dementsprechend unterschiedlichentwickelte sich auch die Bedeutung und das Profil jener, die die Codifizie-rung der bäuerlichen Kultur übernahmen. Nationale Ethnographien entstan-den zwar überall, aber ihr spezifisches Design war doch höchst unterschied-lich. In Ungarn konkurrierten, wie erwähnt, zwei Formen des Nationsver-ständnisses. Während der Inhalt einer sich ethnisch pluralistisch verstehen-