Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
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1994, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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teilt"( S. 126). Ob Sätze wie dieser( wie auch das für eine zwar mitunteranstrengende aber in jedem Fall anregende Lektüre garantierende Buch) dieDiskussion um Beheimatung vielleicht neuerlich ein Stück weit von derpathetisch verklärten Herkunft in Richtung einer symbolischen Praxis ver-schieben kann?

Bernhard Tschofen

Tamás HOFER( Hg.), Hungarians between ,, East and ,, West. NationalMyths and Symbols. Budapest, Museum of Ethnography, 1994, 60 S., 27Abb.

Der Katalog einer gegenwärtig im Budapester Ethnographischen Muse-um stattfindenden Ausstellung über ,, Ungarn zwischen, Ost' und, West'.Nationale Mythen und Symbole ermöglicht es dem Rezensenten, dreiBeiträge näher zu besprechen, die hier zusammengestellt und vorher bereitsin der Ethnologia Europaea erschienen sind. Sie sind aufgrund ihrer wis-senschaftlichen Qualität, aber auch wegen ihres Österreich- Bezuges fürheimische Volkskundler von besonderer Bedeutung.

Das behandelte Thema einer mentalen, geschichtlichen, geographischenund strukturellen Verortung der ungarischen Nation und deren begründetesSchwanken zwischen den vergangenen und in der Trennung relativ stabilgebliebenen gegenwärtigen Großräumen Europas, eben dem Osten undWesten, läßt an den großen ungarischen Historiker Jenö Szücs und an dessenmittlerweile auch in deutsch erschienenes Buch Die drei historischen Re-gionen Europas( Frankfurt am Main 1990) erinnern. Die von Szücs vertre-tene Hauptthese beinhaltet, verkürzt dargestellt, eine Dreigliederung Euro-pas und behauptet dementsprechend die strukturelle Existenz einer Ungarnmiteinschließenden Region ,, Ostmitteleuropa. Es wäre, was die einzigekritische Anmerkung des Rezensenten ist, interessant gewesen, dieses sichauf Strukturen berufende Argument in der Ideologie des 19. Jahrhundertsund damit auch im volkskundlichen Diskurs, also in der Realitätsschöpfung,zu überprüfen. Dennoch: Der Katalog thematisiert die Kreation und Etab-lierung von nationaler Identität mit Hilfe von Symbolen( wie etwa demGulasch), von kontroversiellen Heldenschöpfungen( Arpád oder Hl. Ste-fan), von Konstrukten( dem nationalen kulturellen Erbe) und versucht damitjenen Prozeß nachzuzeichnen, der eine ungarische Einzigartigkeit belegenund der Nation einen Platz in Europa zuschreiben konnte. Da dabei dashistorische Österreich der unmittelbare Konkurrent war, mußte das ungari-sche Symbolsystem reziprok zu dem des Nachbarn entwickelt werden.Ungarn mußte daher nahezu zwangsläufig eine besondere, eben zwischen