Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
302
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 302-340

Literatur der Volkskunde

Christiane AMIEL, Jean- Pierre PINIES, René PINIES( Red.), Au miroirdes revues. Ethnologie de l'Europe du Sud(= Cahiers d'ethnologie méditer-ranéenne, 1). Carcassonne, Hésiode, 1991, 238 Seiten, zahlr. Abb.

Wenn nächstes Jahr das 100jährige Gründungsdatum der ,, Zeitschrift fürösterreichische Volkskunde zu begehen sein wird, dann sollte dies auchAnlaß zu Reflexionen über volkskundliche Institutionen bzw. deren Publi-kationsorgane in Europa sein. Denn diese spiegeln in ihrer Geschichte, inden geäußerten Absichten( vgl. Michael Haberlandts programmatische Ein-leitung Zum Beginn) sowie in den zahllosen abgedruckten Beiträgen Ent-wicklungen wider, die zwischen regionaler Selbstvergewisserung, nationa-ler Wissenschaft und internationalem Vergleich oszillieren. Hier bietet aberdas anstehende Jubiläum auch Anlaß, eine Publikation aus dem Jahre 1991vorzustellen, die auf eine Tagung über volkskundliche Zeitschriften imMittelmeerraum im französischen Carcassonne 1985 zurückgeht. Die Er-gebnisse mögen in Details bereits überholt sein, in der Tendenz aber lassensie zwei bis heute wichtige inhaltliche Stränge in den Vordergrund treten:Zum einen richten sie den Blick erneut auf die Vermittlungsaufgabe vonVolkskunde- Zeitschriften für eine Europäische Ethnologie. Zum zweitenhaben sich in Europa besondere volkskundliche Kommunikationsräumeeben etwa die europäische Süd- Achse der ethnologie méditerranéenneetabliert, über die in Österreich wenig( Frankreich, Italien, Griechenland)oder gar nichts( Spanien, Portugal, Tunesien) bekannt ist. Für beide Aspektebietet das Buch wichtige und schlüssige Informationen.

Grundsätzliche Bemerkungen zum Reichtum und Paradoxon der ethno-logischen Zeitschriften in Europa stammen vom Altmeister der französi-schen Ethnologie, der ethnologie de soi, von Isac Chiva. Er leitet mit einerFeststellung ein, die fachintern gerne übersehen wird: Ethnologische Zeit-schriften spiel( t) en im sozialwissenschaftlichen Diskurs des 20. Jahrhun-derts insgesamt nur eine geringe Rolle. Gemeinsam sind ihnen, wie über-haupt den Volkskunden in Europa, eine angestrebte Verwurzelung im Popu-lären, eine Entstehung im Rahmen des nationalen Denkens des 19. Jahrhun-derts, eine inhaltliche, sich im Widerspruch gegen den sich durchsetzendenmodernen Staat äußernde Rechtfertigung als Wissenschaft der bäuerlichenKulturen sowie dem Fehlen einer verbindenden Wissenschaftssprache bzw.gemeinsam getragener Schulen einer Europäischen Ethnologie. Wichtig,