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Bernhard Tschofen
ÖZV XLVIII/ 97
bekanntlich viel Platz eingeräumt( erstens) der beschleunigten Mo-dernisierung und( zweitens) dem damit verbundenen Phänomen desrasanten Wachsens des ,, kulturellen Erbes". 13 Sie hat aber auch vonAnfang an Zweifel daran gehegt, ob das mit dem ,, progressivenReliktanfall"( Hermann Lübbe) einhergehende Bedürfnis nach Erin-nerungskultur in den identitätsstiftenden Überbrückungsversuchenzwischen Vergangenheit und Gegenwart ihre adäquate und legitimeAntwort finden kann. Wenn das„ Überkommene nicht länger alsetwas Erworbenes angesehen[ wird]" und die Anhäufung kulturellenErbes auf die ,, soziale Arbeit des Gedenkens" 14 vergißt, dann wirddies unausweichlich zu ähnlichen Mißverständnissen führen wie dasAgieren mit Tradition( s. Bausinger, wie oben zitiert).
Übertragen auf die Situation der kulturwissenschaftlichen Museenheißt das, daß das Aufeinandertreffen von stummen Zeugen undfalschen Erben die stete Gefahr eines identifikatorischen Kurzschlus-ses in sich birgt: eines Kurzschlusses, der noch dazu in diesemMuseumstypus schon allein durch die Tatsache droht, daß seineSammlungsbestände und Arbeitsfelder in irgendeiner Weise naheste-hend, also vertraut erscheinen. Wo sich zwar die grundlegendenVerhältnisse des materiellen Daseins verändert haben, die Dingejedoch entweder ihrer regionalen oder sozialen Herkunft, ihrerForm, Gestalt oder Funktion nach-- als bekannt und gegeben erschei-nen, suggerieren sich schnell Identifikationsangebote und bieten sichrasch Zusammenhänge an, die Komplexes allzu plausibel erscheinenlassen und der Vielfalt der Bedeutungen keinen Platz mehr einräumen.
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Die in den kulturhistorischen Museen versammelten Dinge neigendazu anzuheimeln. Daran konnten auch die Korrekturen der Samm-lungsbestrebungen in Richtung Alltagskultur und Gegenwart nichtsändern. Wahrscheinlich liefern uns gerade die erhöhten Musealisie-rungstempi, auch wenn sie den Brüchen im Alltagsleben rhythmischzu folgen scheinen, zunehmend der Gefahr aus, das Erbe auf seineeinfachste und lauteste Botschaft zu reduzieren: nämlich auf dieBezeugung einer universellen und kollektiven Vergangenheit, einerBeschwörung der Herkunft, in der für differenzierte Fragestellungen
13 Pomian( wie Anm. 9).
14 Henri Pierre Jeudy: Die Welt als Museum. Berlin 1987, S. 8. zit. n. FriedrichWaidacher: Handbuch der Allgemeinen Museologie( Mimundus 3/ Wissen-schaftliche Reihe des Österrreichischen TheaterMuseums), Wien/ Köln/ Weimar,1993, S. 159.