Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 263- 276
Stumme Zeugen, falsche Erben'
Probleme der Sinnkonstruktion im kulturwissenschaftlichen
Museum
Von Bernhard Tschofen
Noch nie gab es so viele Stimmen zum Museum, und noch nie inder Vergangenheit waren die Ansprüche an die Institution Museumso divergierend wie heute. Um dies feststellen zu können, brauchtman gar nicht erst eigens die in den letzten Jahren zahlreicher gewor-denen museologischen Tagungen, Symposien und Publikationen insTreffen führen. Es zeigt sich solches auch im alltäglichen Diskurs:Ein Blick in die Medien oder in die Besucherbücher der Museen wirdden Befund ebenso bestätigen. Das Publikum ist mündiger geworden,stellt Ansprüche, und allmählich scheint sich auch in ÖsterreichsTages- und Wochenpresse so etwas wie ein eigenes Genre der Muse-ums- und Ausstellungskritik zu entwickeln.
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Über beides möchte ich heute sprechen: über die Aktualität derInstitution Museum und über die mit dieser Aktualität untrennbarverbundenen- Probleme, welche sich aus den gesteigerten und sichstetig differenzierenden Erwartungshaltungen ergeben. Diese sindfreilich nicht für alle Museumstypen dieselben, aber trotzdem möchteich hier tendenziell von ,, dem Museum" sprechen, weil sich zumeinen die Konfliktfelder in kunst-, kultur-, natur- und technikhistori-schen Museen im Kern sehr ähnlich sind, und weil sich zum anderen-dies als kleine These in den aktuellen Debatten Museen unter-schiedlichster Gattungen einander unaufhaltsam annähern. MeineBeispiele werde ich jedoch aus dem Umfeld der kulturwissenschaft-lichen Museen beziehen zu denen volkskundliche Sammlungenüberregionalen Zuschnitts ganz zweifellos zu zählen sind-, und ich
1 Am 22. April 1994 beim Symposion ,, Das kulturhistorische Museum auf demWeg in die Zukunft", veranstaltet von der Abteilung für Volkskunde des Steier-märkischen Landesmuseums Joanneum Graz, gehaltener Vortrag. Die mündlicheForm wurde weitgehend beibehalten.