Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
255
Einzelbild herunterladen
 

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 255- 262

Der hl. Nikolaus und das heilkräftige Öl

Von Felix Karlinger

Fällt heute das Stichwort ,, Öl, so werden die meisten an Erdöldenken, das für die Wirtschaft so bedeutungsschwer geworden ist.Salatöl oder Hautöl verschwindet als Nahrungs- oder Heilmittelgegenüber Naphtha oder Petroleum. Auch wenn schon früh in derZivilisationsgeschichte Pflanzenöl als Beleuchtung gedient hat, so mußman seine Hauptbedeutung im Nährwert sehen. Eine zwar gewichtigeund dennoch sekundäre Rolle sollte es als Heilmittel- in der doppeltenFunktion von medizinischer und religiöser Wirkung- spielen.

Wie auch bei anderen Lebensmitteln( und Genußmitteln) richtetesich hoffnungsvolles Glauben etwa auf einen Ölkrug, der nie leerwürde. Es genügt, hier an das Alte Testament zu erinnern, wo wir in1 Kg 17,14 lesen:, Denn also spricht der Herr, der Gott Israels: derMehltopf wird nicht leer und das Ölgefäß wird nicht trocken...", wiees sich gemäß dem Spruch des Propheten Elias bei der Witwe vonZarephta erfüllt.

Dies ist die eine Seite des Motivs vom wunderbaren Öl, die in derfolgenden armenischen Legende vom hl. Nikolaus aufgegriffen ist.Die andere betrifft die von diesem Öl ausgehende Heilkraft.

-

Das Heilende geht schon früh mit medizinischen Beobachtungenund religiösen Vorstellungen Hand in Hand. Man salbt nicht nur denTäufling und je nach Ritus den Verstorbenen sondern neben demMenschen( Priester, König) auch das Element des Wassers, denGrundstein oder den Altar. Und wenn es im Neuen Testament( Mk6,13) lautet: ,, Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Krankemit Öl und heilten sie, so darf man Klaus Wengst folgen: ,, Was hierparataktisch nebeneinander steht, sind nicht drei völlig verschiedeneDinge, sondern gehört zusammen: Die Heilung von der Krankheiterfolgt durch Salbung mit Öl, das exorzistische Kraft hat und dieDämonen als Krankheitsverursacher austreibt." 1

1 Klaus Wengst: Didache( Schriften des Urchristentums- Zweiter Teil). Darmstadt1984, S. 58.