Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 225- 253
Von Marocchini und Mafiosi
Zwei Beispiele zum erzählerischen Umgang mit Fremden undAußenseitern in Südtirol
Von Ingo Schneider
Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationali-täten und Kulturen, wie wir es heute in weiten Teilen der Welt erleben,ist wohl ein Charakteristikum unserer Zeit. Daß die Entwicklung zurmultikulturellen Gesellschaft nicht mühelos fortschreitet, sondernvon vielfältigen Spannungen und Rückschlägen begleitet wird, zei-gen die tragischen ethnischen und konfessionellen Krisen auf allenKontinenten. Für uns Mitteleuropäer rückte in den letzten Jahrensicher der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien in den Vorder-grund. Die Situation am Balkan stellt aber weltweit keinen Einzelfalldar. Abgesehen von anderen ethnischen Konflikten in den Nachfol-gestaaten des realen Sozialismus, vor allem in den ehemaligen Sowjet-republiken, ist hier etwa an Indien, Südafrika, an die Situation derKurden, an Nordirland oder an die immer wieder hochkommendenRassenkonflikte in den Vereinigten Staaten von Amerika zu denken.Und die zuletzt so massiv auftretende Ausländerfeindlichkeit inDeutschland und Österreich zeigt überdeutlich, wie es um Toleranzund die Fähigkeit des Zusammenlebens in diesen Ländern bestellt ist.Brand- und Briefbombenattentate sind in diesem Zusammenhangnicht als isolierte Einzelaktionen zu bewerten. Sicher sind sie dasWerk eines relativ kleinen Kreises von Fanatikern. Hinter diesen stehtaber eine schweigende Mehrheit, die ähnlich denkt oder zumindestfühlt, ohne sich über diese Gefühle Rechenschaft abzulegen. Es istein heute weit verbreitetes Klima der Vorurteile und der Anfeindun-gen gegenüber Ausländern, das solche Auswüchse ermöglicht, dasletztlich von Einstellungen genährt wird, die tief in uns drinnenstecken, die aber in unserer zivilisierten Welt zumindest bei sehrvielen Menschen von gesellschaftlichen Konventionen, vor allem vonder Erziehung, überdeckt sind. In modernen Sagen und Gerüchten alsjenen Gattungen der Volkserzählung, die neben dem Witz am unmit-