1994, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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pletten universitären Gesellenstücks möglicherweise nicht den bestenDienst erwiesen.
Herbert Nikitsch
Martin WARNKE, Politische Landschaft. Zur Kunstgeschichte der Natur.München/ Wien, Carl Hanser Verlag 1992. 190 Seiten, 150 S/ W- Abb.
Der Titel, mit dem Martin Warnke seine Studien zur politischen Ausstat-tung von Landschaften zusammenfaßt, ist wörtlich zu verstehen. Es gehtnicht um die im Politjargon der letzten Jahre immer beliebtere Metapherpolitischer Klimata, Tendenzen und Handlungsmuster, sondern es geht umeine Praxis des Politischen selbst, nämlich der symbolisch- argumentativenVerwertung von Natur. Warnke untersucht sie- assoziativ und bildgeleitet-in sechs eigenständigen Kapiteln, welche jeweils um beispielhafte Motive,Sichtweisen und Metaphern kreisen. So erreicht der Band eine selteneDichte; auf manche Skizze, manche Andeutung ließe sich spielend diesprichwörtliche Dissertation bauen.
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Es ist eine sehr europäische Geschichte, die hier erzählt wird, und sie läsesich mit Sicherheit anders, wenn Warnke nicht vielleicht etwas allzupessimistisch eine jahrhundertelang währende Qualität von Landschaftheute aufgehoben sähe: nämlich die Qualität, dem Menschen ein Gegenübersein zu können. So steht sein Argumentieren zwar in der Tradition dergängigen Kompensationstheorien, nicht aber ohne der Landschaft selbst inihrem Wandel von einer zivilisationskompensierenden zu einer zivilisati-onspotenzierenden Bedeutung eine aktive Rolle zuzudenken. Daher kennendas Buch und seine Einzeluntersuchungen jeweils nur eine lockere chrono-logische Argumentation und entwickeln ihre Gedanken in synchroner Sichtder im Prozeß der Zivilisation manifesten Bedürfnisse politischer Verstän-digung.
Die politische Besetzung der Ebene folgt dem zunehmenden Bedürfnisnach einer Ordnung der Kulturlandschaften, wie sie in Straßen, Brücken,Grenzen ihren nur mittelbar symbolischen Ausdruck, und wie sie später inDenkmalen ihre sinnfälligste Rhetorik findet.„ Die Landschaft hat eintragendes, dienendes, aufblickendes Verhältnis zum Großdenkmal“( S. 25),und das letztere ist die Instanz, die vorgibt, wie die umgebende Naturwahrzunehmen ist. Jedes Zeichen menschlicher Kultur, das die Landschafts-malerei ins Bild setzt oder mit dem die Natur selbst ausgestattet wird, istwandelnden Deutungen ausgesetzt; als Konstante aber bleibt ,,, daß ihremjeweiligen Sinn dann etwas von der Selbstverständlichkeit der Naturkräftemitgeteilt wird“( S. 26).