Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLVIII/ 97

schlechthin. Sie bedroht den sozialen Körper, trifft vor allem die Ober-schichten und ist im Stande, des Bürgers höchstes Glück ,,, eine ganzeFamilie vom Tisch[ zu] fegen"( S. 147), wie es etwa in den über Jahrzehntevielbeachteten Schriften des Arztes Alfred Fournier hieẞ.

Mit kollektiven Empfindungen beschäftigen sich auch die weiteren,anderen Themenfeldern gewidmeten Beiträge. Es geht um Paris und dieWahrnehmungen der Modernisierung der Hauptstadt, es geht um die Dis-kurse über das blutige Paris und die industriellen Belastungen, welche dieHaussmannisierung der Stadt begleiteten; und es geht um mentalitätsbe-dingte Ungleichzeitigkeiten, wie sie etwa der Zuzug von Wanderarbeiternaus Limoges sichtbar machten. Dies alles arbeitet hin auf ein abschließendesKapitel Zur Geschichte und Anthropologie der Sinneswahrnehmung, in demunter mehr theoretischer und methodenkritischer Perspektive noch einmaldie wichtigsten Fragen aufgeworfen werden, die Corbin als Historiker desMentalen stets begleiten. Das sind grundlegende Probleme, wie sie seitLucien Febvre und Norbert Elias die historische Anthropologie beschäfti-gen: etwa die soziale und zeitliche Verortung der Grenze zwischen Gesag-tem und Bemerktem, oder die Verschiebungen in der Rangordnung derSinne. Corbins Verdienst für dieses Kapitel Zivilisationsgeschichte liegt-die versammelten Aufsätze bestätigen es abermals und eindrucksvoll- imAusmachen der Spannungen und feinen Bewegungen, die der Sinneshaus-halt im ,, Jahrhundert des Geldes" durchläuft. Er lehrt das Imaginäre zu lesenund die ,, suggestiven Zeichen der Verfeinerung( S. 211) zu verstehen under führt vor, wie die scheinbar völlig irrationalen Normen und Praktiken ihreFunktionen haben- für die Bewältigung der quer durch die Gesellschaftziehenden Risse.

Bernhard Tschofen

Rudolf BURGER, Überfälle. Interventionen und Traktate. Wien 1993,159 Seiten.

Rudolf Burger ist Kulturphilosoph an der Hochschule für angewandteKunst. Er gehört dort vielbeschäftigt zu jenen, die die Öffentlichkeit nichtmeiden. Mit Sicherheit ist er jedenfalls keiner der ,, Stillen im Lande", scheutnicht, wie viele andere, das Feuilleton, bezieht Stellung- polemisch etwaauch gegen seine eigene Philosophenzunft. Erst kürzlich hat er in einemInterview zum Thema ,, Heimat" Auskunft gegeben. Damit wird Philoso-phisches, das hierzulande nicht gerade zur volkskundlichen Pflichtlektüregehört, fachintern wichtig. Und interessant mag Burger noch wegen eineszweiten Grundes sein: Er gehört ohne Zweifel zu den opinion leaders des