Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
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Chronik der Volkskunde

ÖZV XLVIII/ 97

Mittel der Abgrenzung. Ausgehend von musealisierten Sammelstücken imSalon ihres bourgeoisen Elternhauses konnte Gallini den Bogen zum Um-gang mit Exotismen und Ethnizitäten in der heutigen Gesellschaft überzeu-gend spannen.

Wolfgang Kaschuba( Humboldt- Universität, Berlin) und Martin Roth( Hygiene Museum, Dresden) nahmen zur gegenwärtigen Situation in Ost-deutschland Stellung. Der Museumsexperte Roth zeichnete das jeweiligeBild der West- und Ostdeutschen seit 1989 nach und stellte angesichts dervom Westen geschluckten Ostidentifikationsmerkmale die Frage, ob Ost-und Westdeutschland heute weiter als je voneinander getrennt seien. Wolf-gang Kaschuba analysierte die ,, neue Mauer im Kopf, die nach der Wendebei Ost- und Westbürgern entstanden sei. In dem Maße, wie der Westen überJahrzehnte gewachsene Erfahrungen der Ostbürger mit seinen Normen undWerten überdecke, trage die Vereinigung zweifellos Züge einer Kolonisie-rung. Der damit verknüpfte Verlust an Bezug und Identität könne schließlichdie Grundlage einer neuen Form von ,, culture racism" bilden. Die Strategieeiner Reidentifikation verlaufe dabei vielschichtig und wechselseitig querdurch Ost und West, aber oft mit der Tendenz, sich gegen das zu richten,was sich als ,, fremd" deklarieren läßt. Im Zuge einer ,,( N) ostalgia" seienOstbürger neuerdings bestrebt, sich die alten ,, lieux de mémoire" wiederanzueignen.

Der dritte Abschnitt der Tagung in Tours stand unter dem Aspekt der,, Nationalismen und ihrer nationalen Ausprägungen. Daniel Fabre( EHESS, Toulouse) ging in seinem Vortrag auf die Geschichte der französi-schen Ethnologie und ihrer spezifischen Rolle im nationalen und kulturellenSelbstverständnis ein. Die Ethnologie hätte dabei immer Schwierigkeitengehabt, Antworten auf Fragen der, identité populaire et nationale zuentwickeln, und liefe dabei zudem stets Gefahr zu marginalisieren.

Sehr eindrucksvoll trug Marc Ferro( EHESS, Paris) sein Papier vor zumVerschwinden und Aufkommen von Nationalismen in Rußland und denehemaligen sowjetischen Republiken. So stellte Ferro fest, daß in derehemaligen Sowjetunion keineswegs immer zwangsläufig nationale Identi-tät mit einem gewissen Gebiet verknüpft sei. Vielmehr würde das Kommenund Gehen von Nationalismus und Nation sehr häufig bestimmt von kom-plexen spezifischen historischen Entwicklungen und Evolutionsprozessen.

Die Abschluẞsitzung ,, Für eine europäische Ethnologie" prägte vor allemIsac Chiva mit seinem großen Schlußvortrag. Daß zu dieser Gelegenheit derfranzösische Minister für Kultur und Francophonie Jacques Toubon ange-reist war, verstärkt die politische Dimension des Kongresses.

Chiva gelang es, Möglichkeiten für europäische Ethnologie der Zukunftaufzuzeigen. Ausgehend von Tradition und Politik gleichermaßen und an-gesichts eines zukünftig grenzenlosen Europas sei die Ethnologie als Wis-