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Hermann Bausinger
ÖZV XLVIII/ 97
Kultur( en) nicht. Noch einmal der Vertragstext: Der„ Beitrag zurEntfaltung der Kulturen der Mitgliedsstaaten“ soll geleistet werden,, unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowiegleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes"(§ 128, Abs. 1). Das ist nicht gerade die Quadratur des Kreises; abereine sehr komplizierte und spannungsreiche Aufgabe wird hier inbesänftigender Vereinfachung formuliert.
Über die Schwierigkeiten, aber auch die Möglichkeiten einer eu-ropäischen Kulturpolitik hat Hazel Rosenstrauch eine differenzierteSkizze vorgelegt. 48 Hier sollen lediglich einige Überlegungen disku-tiert werden, die sich auf die Regionen konzentrieren. Dies heißtallerdings nicht, daß die Beschränkung auf eine regionale Kulturpo-litik vorgeschlagen würde. Dies ist schon deshalb unmöglich, weilauch das Gesicht der regionalen Kulturen sehr stark durch externeEinflüsse geprägt wird, die allerdings nur in Ausnahmefällen alseuropäisch zu klassifizieren sind, die vielmehr meist in den Zusam-menhang kultureller Globalisierungs-, vorsichtiger: Internationali-sierungstendenzen gehören. Fritz Scharpf hat darauf hingewiesen,daß beispielsweise das Fernsehen ein legitimer Gegenstand der euro-päischen Politik auch dann wäre, wenn Kultur als nationalstaatlichesVorbehaltsrecht statuiert würde.49 Und es sind nicht nur diese zurVereinheitlichung drängenden Tendenzen, die eine gemeinsame politi-sche Willensbildung notwendig machen, sondern gerade die Erhaltungund Entwicklung der Vielfalt verlangen gemeinsame Prinzipien.
Kultur wird oft verstanden und propagiert ,, als Gegenfaktor zueiner rabiaten Marktwirtschaft". 50 Das ist im Ansatz legitim; derentfremdenden Kälte und Nüchternheit wirtschaftlicher Prozessewird die Vertrautheit der Kultur gegenübergestellt. Aber mit gutenGründen wird auch von der ,, falschen Wärme der Kultur“ gespro-chen, 51 die zu fragwürdigen politischen Aufladungen führen kann.
48 Kulturpolitik: Ein Schalk in Europas Nacken. In: Reihe Eurokolleg 16( 1992).Wichtige Anregungen enthalten auch zahlreiche Aufsätze von Dieter Kramer.49 Einheitlicher Markt und kulturelle Vielfalt. Das Dilemma der EuropäischenPolitik. In: R. Hrbek( Hg.): Die Entwicklung der EG zur Politischen Union undzur Wirtschafts- und Währungsunion unter der Sonde der Wissenschaft. Baden-Baden 1993, S. 99- 106; hier S. 104.
50 Olaf Schwencke, zit. bei Volkhard App: Kulturgesellschaft Europa? In: Kultur-politische Mitteilungen Nr. 56 I/ 1992, S. 11f.
51 Rudolf Burger: Die falsche Wärme der Kultur. Fußnote zu einem neuen Bedürf-nis. In: Informationen zur politischen Bildung 3/1992, S. 9 – 16.