122
Hermann Bausinger
ÖZV XLVIII/ 97
tralen zu schützen. Der ökonomische Zugriff auf die Provinz ist derAuslöser des neuen Regionalismus.
Im Verhältnis zwischen den Zentralen und den Außenregionenlassen sich drei Phasen unterscheiden: Die erste Phase ist charakteri-siert durch die Vernachlässigung der Provinz; sie wird ins Abseitsgedrängt, wird der Verödung überlassen; Entmachtung und Entmün-digung sind die Charakteristika, Landflucht, Provinzflucht die Fol-gen. Die zweite Phase ist charakterisiert durch die Erscheinungen, dieals ,, Korsika- Syndrom“ bezeichnet wurden: 20 Ausverkauf der Land-schaft an die Reichen aus der Metropole oder den Metropolen; rück-sichtsloser, auf weite Sicht selbstzerstörerischer Ausbau der touristi-schen Industrie. In der dritten Phase schließlich kommt es zur eigent-lichen groẞindustriellen Erschließung; wie Supermärkte heute nichtmehr in den Städten gebaut werden, sondern auf grüner Wiese, soentstehen ganze Ballungsgebiete aus dem Nichts einer schönen, aber, unterentwickelten Landschaft. Die Budgetansätze für die Regionwerden dann höher, das Bruttosozialprodukt nähert sich dem derzentralen Gebiete etwas an; gleichzeitig aber wächst die unmittelbareErfahrung von Risiken. Das Bewußtsein ökologischer Gefährdungwird zur alltäglichen Erfahrung, aus der die Wendung gegen dieKapitale im doppelten Wortsinn von Hauptstadt und Kapital-macht erwächst.
_
Daß das Stichwort Region seit Mitte der siebziger Jahre auch inden offiziellen Planungen nationalstaatlicher Politik häufiger auf-taucht, ist teilweise sicherlich eine Antwort auf die aggressiv formu-lierten und manchmal auch militant geführten Attacken der verschie-denen außerparlamentarischen regionalistischen Bewegungen; aberauch unabhängig davon ist es eine Reaktion auf sich verschärfendeProblemlagen. Die wachsenden Disparitäten innerhalb der National-staaten verlangen eine ausgleichende Raumordnungspolitik; die Un-überschaubarkeit vieler Entscheidungen fordert als Gegengewichtdie Installation von Transparenz und Bürgernähe. Da der Planungs-bedarf nicht mehr zu ver- orten ist, vielmehr in Wirtschaftsräumen,Verkehrsräumen, Erholungsräumen usw. gedacht werden muß, bietetsich die Region als Planungsgröße an. Regionale Strukturpolitik istdeshalb fast überall zu einer gängigen Forderung geworden.
Einer Forderung freilich, der nicht überall in gleicher Weise genügtwurde und die vor allem kaum irgendwo die erhofften Erfolge ge-20,, Jean“: Elsaß: Kolonie in Europa. Berlin 1976, S. 33.