Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
113
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 113- 140

Region- Kultur- EG

Von Hermann Bausinger

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Volkskunde als ,, Sozialgeschichte regionaler Kultur"- diese De-finition hat Wolfgang Brückner in den letzten Jahren verschiedentlichvorgeschlagen und kürzlich noch einmal als verbindliche Bestim-mung postuliert.¹ Als abschließende Definition erscheint mir dieswie jede andere Formel zu eng; aber zweifellos sind mit denStichwörtern Region und Kultur zentrale Fragen des Faches anvisiert.Ein Aufsatz, der diese beiden Stichwörter im Titel trägt, sollte alsodie Grenzkontrolle derer, die auf Einhaltung der Disziplin( im dop-pelten Sinn) setzen, mühelos passieren. Aber da taucht dann noch einweiteres Stichwort auf: EG, Europäische Gemeinschaft. Das nimmtden beiden anderen Begriffen nicht ihren geschichtlichen Akzent,rückt sie aber doch deutlich in einen Zusammenhang, in dem diegegenwärtige Situation, aber auch künftige Entscheidungen eine be-deutsame Rolle spielen. Zudem handelt es sich bei der EuropäischenGemeinschaft- oder allgemeiner gesprochen: bei der Frage einerVereinigung Europas um ein Problem, das vor allem auf einerpolitischen und ökonomischen Ebene angesiedelt ist. Aber es hat aucheine sozialkulturelle Dimension, und es erscheint mir geboten, diesezur Geltung zu bringen- und zwar nicht abseits von den dominieren-den politökonomischen Diskussionen, sondern in engem Zusammen-hang damit.²

,, Europa" hat sich im Verlauf der letzten Jahre entschieden verän-dert. Ein wichtiges Motiv der Vereinigung ist weggefallen: die Front-stellung gegen die Sowjetisierungstendenzen. Gleichzeitig ist deut-lich geworden, daß Europa in EG- Zusammenhängen immer nur eineetwas aufgeblasene Bezeichnung für Westeuropa war. Inzwischen1 Warum eine Baisse der Volkskunde? In: Bayerische Blätter für Volkskunde 20( 1993), S. 84-98. hier S. 98.

2 Die Chance dazu bot mir ein Gastaufenthalt an der Forschungsstelle Sozioöko-nomie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dem Leiter derForschungsstelle, Egon Matzner, und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiternbin ich dankbar für diese Möglichkeit und die anregungsreiche Zeit in Wien.