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Paul Hugger
ÖZV XLVIII/ 97
Fotografie als Ausdruck populärer Ästhetik usw. Schulen haben sichdabei kaum herausgebildet. Dafür ist in der Schweiz die Zahl derLehrenden und der Studierenden zu klein; auch entspricht die straffeAusrichtung auf eine einzige Persönlichkeit und deren geistige Führungkaum dem demokratischen Empfinden des Schweizers.
Die Situation der Volkskunde ist weiterhin durch eine geringeinstitutionelle Verankerung an den Universitäten gekennzeichnet.Nur in Zürich( Paul Hugger) und Basel( Christine Burckhardt- See-bass) bestehen eigentliche volkskundliche Lehrstühle. In Bern( PeterGlatthard) muß der Lehrstuhl weiterhin auch Bereiche der Germani-stik, vor allem der Dialektologie, abdecken; hier wird Volkskundesehr schmal berücksichtigt. In der französischen Schweiz bezieht derEthnologe Pierre Centlivres in Neuchâtel regelmäßig volkskundlicheThemen in sein Lehrprogramm ein, meist über Lehrbeauftragte;grundsätzlich aber ist er vor allem der außereuropäischen, also derEthnologie im klassischen Sinn, verpflichtet. In Lausanne lehrt einKulturanthropologe, der sein Fachverständnis elitär nach angelsäch-sischem Vorbild definiert. Fribourg besitzt einen ethnologischenLehrstuhl( Christian Giordano), bei dem ebenfalls hie und da volks-kundliche Themen mitverantwortet werden. In Genf besteht kaumNennenswertes.
Eine Bilanz des gegenwärtigen volkskundlichen Schaffens in derSchweiz würde eine große Vielfalt der Themen belegen, wobei auchheute nicht überall das Betulich- Unbedeutende vermieden wird. Dasist beim Fehlen einer ideologischen Bevormundung und Einengungauch nicht anders zu erwarten. Vor allem die Publikationen ausLaienkreisen sind auch in der Schweiz immer noch Ausdruck einerlokalen Heimatverbundenheit. Die Volkskunde in unserem Land wirdstets der Tendenz zum Provinziellen zu begegnen haben; sie wirddabei stärker als bisher die Anregungen einer internationalen For-schung aufnehmen müssen. Dafür wäre die vielsprachige Schweiz alsDrehscheibe geradezu prädestiniert.
Damit ist eine weitere Eigenart des volkskundlichen Schaffens inunserem Lande angesprochen. Was immer wir unternehmen, wirhaben dabei die interethnische Konstellation unseres Landes zu be-rücksichtigen. Vor allem die Minderheiten reagieren mit feinem Ge-spür und wachem kritischem Sinn auf Verallgemeinerungen, die manetwa von der deutschsprachigen Schweiz aus zur volkskundlichenSituation in der Schweiz macht.