Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVIII/ 97, Wien 1994, 97 – 112
Volkskunde in der Schweiz seit dem Zweiten WeltkriegZwischen Provinzialismus und Weltoffenheit¹
Von Paul Hugger
I.
Ich bin mir bei der Beschäftigung mit dem Thema bewußt gewor-den, wie sehr die Wissenschaftsgeschichte eines Landes mit denWechselfällen der allgemeinen, vor allem der politischen Geschichteverflochten ist und sie widerspiegelt. So befand sich 1945, am Endedes Zweiten Weltkriegs, die Schweizerische Volkskunde wie dasLand selbst in einer Art Igelstellung, einer Abwehrhaltung und in derAttitüde der Selbstbehauptung. Waren noch anfangs der dreißigerJahre die Beziehungen gerade mit deutschen Volkskundlern- in Formder Gelehrtenrepublik, wie sie das 19. Jahrhundert verstanden hatte-intensiv, so ließ die Machtergreifung des Nationalsozialismus inDeutschland 1933 die Schweizer Volkskundler zusehends auf Distanzgehen. Die ideologische Gleichschaltung der Wissenschaften, auchder Volkskunde, die rasch in Deutschland einsetzte, belastete dieBeziehungen der Schweizer Volkskunde zum Wissenschaftsbetrieb inDeutschland. Das rassistische und deutschtümelnde Gedankengut,wie es die entsprechenden Fachorgane dominierte, stieß die meistenSchweizer Forscher ab. Die Kontakte wurden spärlicher, brachenschließlich fast ganz ab.² Vor allem die Lehre einer Einheit von Rasseund Kultur konnte in einer pluriethnischen Schweiz nur Mißtrauenund Unverständnis wecken. Damit verbanden sich von deutscherSeite mehr und mehr kulturhegemoniale und territoriale Ansprüche
1 Vorliegendes Manuskript basiert auf einem Vortrag, welchen Univ.- Prof. Dr. PaulHugger bei der Generalversammlung des Vereins für Volkskunde in Wien am 19.März 1993 gehalten hat.
2 Allerdings verfaßte Paul Geiger, der erste auf dem Fach selbst habilitierteSchweizer Volkskundler, noch in der von John Meier edierten Reihe ,, DeutschesVolkstum" den Band: Deutsches Volkstum in Sitte und Brauch. Berlin undLeipzig 1936.