Jahrgang 
97 (1994) / N.S. 48
Seite
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,, Rightly viewed no meanest

object is insignificant"

Thomas Carlyle

Volkskultur im Museum

oder

Den Alltag muß man sich denken

In einem Essay aus der Reihe Dinge undUndinge" unterscheidet der Kommunikationswissen-schafter und Kulturphilosoh Vilém Flusser zwei Seins-zustände von Flaschen; solche, die Kultur sind, undsolche, die Müll sind. Dem einen Zustand ordnet er dasErinnern bei, dem anderen das Vergessen; doch beidenFlaschen, den museal gehorteten wie den überflüssigen,attestiert er Grenzgängerqualitäten. Weil nämlich dieKulturwissenschaften die Tendenz haben, nicht nureinen Teil des Vergessenen in Erinnerung zu rufen,sondern auch einen anderen Teil noch dichter zuverdecken", helfen sie mit, Geschichte zu machen undzu bestimmen, was wert ist aufgehoben zu werden.Ausgangsmaterial jeder musealen Sammlung sinddemnach leere Flaschen- hergestellt, um geleert zuwerden und um zum Abfall zu wandern. Der Weg einerFlasche ins Museum ist so besehen ein Ausdruck jener,, menschlichen Fähigkeit, welche verdient geradezu diemenschliche genannt zu werden. Der Fähigkeit nämlich,von den Dingen Abstand zu nehmen und sie von vorhernicht eingenommenen Standpunkten aus zu sehen."

Artefakte unterliegen wechselnder Bedeu-tung. Das kulturwissenschaftliche Museum als ein Ortihrer Deutung formt diese mit und bestimmt, wie Dingeerscheinen, was sie vertreten und worüber sie berichten.Museale Präsentationen können daher nicht immergleich bleiben, sie haben vielmehr von Zeit zu Zeit Idee,Zusammenstellung und Aussehen einer gründlichenRevision zu unterziehen. In solchen Phasen der Neu-konstituierung treten naturgemäß Fragen auf, die

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