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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLIX/ 98
AZANG, Arabela Almeida, Livros do povo. Manaus o.J.[ ca. 1994].
Von dieser Autorin konnten wir bereits zwei Bücher besprechen. Dieneueste Publikation gilt den in manchen ruralen Landschaften Brasiliensnoch stark verbreiteten Groschenheften, das heißt meist auf billigem Papiermit einer Handpresse hergestellten Geschichten, die im Süden des Landeshäufig in Versen, im Norden hingegen mehr in Prosa abgefaßt sind.
Solche auf Jahrmärkten oder in Limonade- Buden angebotenen Schriftenentziehen sich leider der Erfassung durch Bibliotheken und Archive. Zwarhat sich die Literatur- Soziologie in Brasilien diesem Genre im letztenJahrzehnt mehr genähert als früher, aber die Systematik fehlt solchen Se-kundärschriften noch immer.
Auch die vorliegende Arbeit geht in der Einteilung und Zuweisung dereinzelnen Produkte etwas willkürlich vor, wenn man auch das fleißigeBemühen und die breite Kenntnis anerkennen muß. Neben einer Untertei-lung in sachliche und belletristisch unterhaltende Hefte steht eine Reihungnach dem Alter der einzelnen Produkte im Vordergrund.
Bei den Sach- Heften findet sich vor allem Volksmedizin neben Heftenaus dem Volksglaubensbereich. Schriften magischer Provenienz scheinennoch hoch im Kurs zu stehen, doch gibt es auch genügend Ausgaben, diesicher ein kirchliches Imprimatur ohne weiteres gefunden hätten. Pflanzen,Gifte, rustikale Praktiken treten dahinter zurück, und eher finden nochUnterweisungen handwerklicher Art Berücksichtigung.
In der zweiten Gruppe, den mehr zur Unterhaltung gedachten Themen,ist der Bogen weit gespannt. Neben Anklängen an mittelalterliche Themen-sogar das Motiv des Gral und der Amadis- Roman klingen an- dominierenRäuber- und Detektivgeschichten. Das Letztere überrascht nicht, wohl hin-gegen vernimmt man mit Verwunderung, daß alte Stoffe noch nicht erlo-schen sind, selbst wenn die Namen der berühmten Helden verändert auftau-chen oder gar nicht genannt werden.
Das Geheimnisvolle bleibt zeitlos und findet offensichtlich immer wiederseine Liebhaber. Was allerdings wie eine Schlangenhaut abgestreift wird, istdas Rittertum, das heroische Element. Das höfische Milieu ist fremd gewor-den, und um das gralsartige Requisit scharen sich junge Leute beiderleiGeschlechts in einer eher klösterlich wirkenden Gemeinschaft.
Azang beschreibt mehr die von ihr gesammelten sehr unterschiedlichenMaterialien, als daß sie diese im einzelnen analysiert. Doch macht sie gutepsychologische Beobachtungen; ebenso gibt sie gute Beispiele der verschie-denen Sprach- und Stilebenen.
Da die meisten dieser Groschenhefte oft nur einseitig bedruckte undschwach zusammengeheftete Blätter- fast nie eine Jahreszahl ihrer Veröf-fentlichung verraten, fällt es schwer, einen chronologischen Überblick zu