1995, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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Zeichen für die erwünschte Gleichbehandlung der Frauen taugt. Die Sacheschmälert nun zwar nicht die Qualität des Buches, aber doch ein wenig dasLesevergnügen, und das ist schade.
Margot Schindler
BROMBERGER, Christian, in Zusammenarbeit mit Alain HAYOT undJean- Marc MARIOTTINI, Le match de football. Ethnologie d'une passionpartisane à Marseille, Naples et Turin. Paris, Editions de la Maison desSciences de l'homme, 1995, 406 Seiten. Abb.
Für eine ,, Ethnologie der Passionen“ plädiert Christian Bromberger inseiner Einleitung. Unsere Gesellschaft bietet ein weites Spektrum unter-schiedlichster Passionen, welche die einen in die Stadien drängen, anderezu Rockkonzerten, Ausstellungen, Hundeschauen, Motorradclubs etc. Undweit davon entfernt, von Wesentlicherem abzulenken, sind es gerade dieseLeidenschaften, die Auskunft geben über das Funktionieren und die Mecha-nismen unserer Gesellschaft. Brombergers Buch regt dazu an, sich unterveränderten Gesichtspunkten ,, klassischen“ Themen wie Riten, Stereotypenund Autostereotypen und ihren Repräsentationsformen zu widmen, demStellenwert des Sports in unserer Gesellschaft, hinausgehend über die so-ziologisch- gesellschaftliche Zuordnung der einzelnen Sportarten, aber auchThemen wie Gewalt und Identität, verbale und nonverbale Kommunikation,Gruppenkultur und geschlechtsspezifisches Verhalten.
Fußball ist, wie jedermann weiß, eine weltumspannende Passion( so hatetwa die FIFA mehr Mitgliedstaaten als die UNO). Es nimmt daher nichtwunder, daß die Idee, diesem Sport eine umfassende Studie zu widmen,Christian Bromberger ausgerechnet im Iran gekommen ist. Anläẞlich einesFeldforschungsaufenthaltes in einem abgeschiedenen Dorf im Norden desLandes zur Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Irakund dem Iran, galt das allgemeine Interesse weniger der prekären Versor-gungslage oder dem Kriegsgeschehen als den Erfolgen eines Rummenigge,Platini oder Maradona. Ja, sogar die Resultate von Matches wie Bastia gegenNancy wurden von der dörflichen Jugend mit Interesse verfolgt.
Auch wenn ihm öfters vorgehalten wurde, sich einem ephemeren Phäno-men zu widmen, das des Interesses ,, seriöser" wissenschaftlicher Betrach-tung nicht würdig wäre, widmete sich Christian Bromberger, unterstützt vonder Mission du Patrimoine ethnologique, während mehrerer Jahre der mi-nutiösen Erforschung dieses Sports und gelangt zu einem Ergebnis, das nichtnur in Fachkreisen, sondern auch in den Medien größte Beachtung findet,