1995, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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KRETZENBACHER, Leopold, Nachtridentinisch untergegangene Bild-themen und Sonderkulte der, Volksfrömmigkeit in den Südost- Alpenlän-dern. München, Verlag der Bayrischen Akademie der Wissenschaften 1994( Sitzungsber. d. phil. hist. Kl. 1994, Heft 1). 132 Seiten, 2 Farbtaf., 22 Abb.auf Taf., 2 Fig. im Text.
Das Bilder- Dekret des Tridentinischen Konzils( 1546- 1563), ausgelöstnicht sosehr von Luthers reformatorischen Bestrebungen, bei denen dieAbschaffung des Bilderkults eine geringe Rolle spielte, sondern von Zwing-lis und Calvins Bildersturm in der Westschweiz und Frankreich sowie demHugenottenkrieg hat langfristig zu einer gewissen Reglementierung derBildinhalte kirchlicher Sakraldarstellungen im katholischen Raum geführt;statt der Verehrung wurde den images nur mehr didaktische Funktion zuge-standen, und damit der mittelalterlichen Bilderwelt und ihrer meditativenSubstanz eine wesentliche Existenzgrundlage entzogen. Verglichen mit derIkonologie des Johannes von Damaskos, auf die nach dem byzantinischenIkonoklasmus die orthodoxe Bilderlehre gründet, war dies eine oberflächli-che und beiläufige Verordnung, deren Auswirkungen nicht gleich überallmit derselben Intensität spürbar waren. In, Relikträumen wie den Südostal-penländern haben sich z.T. auch später noch Bildzeugnisse erhalten, dievortridentinisch weiter verbreitet gewesen sein dürften. Über die Vorausset-zungen der Bildregelungen des Tridentiner Konzils berichtet ein Einlei-tungskapitel ,,, Anlaß und Werden des Bilder- Dekretes vom 3.12.1563 aufdem Konzil von Trient"( S. 5- 15), die Folgewirkungen werden an vierverschiedenen Bildthemen erläutert: den Vierundzwanzig Ältesten aus derJohannes- Apokalypse, dem„, Feiertags- Christus“, dem keulenschwingen-den Fasten- Christus und dem Motiv: Judas als Fischdieb beim LetztenAbendmahl.
Kretzenbacher hat in seinem langen und intensiven Forscherleben immerwieder Themen der religiösen Bildinterpretation aus Mittelalter und volks-tümlicher Neuzeit aufgegriffen und mit unnachahmlicher Sensitivität undkenntnisreicher Subtilität behandelt- wobei die Schlußfolgerungen, nachMaßgabe der Diffizilität der Materie und der Ausgeprägtheit des schriftfer-nen Bild- Denkens, das eben heute nicht mehr in diesem Maße gegeben ist,keineswegs immer eindeutig sind-, sodaß er auch bei den vorliegendenThemenstellungen immer wieder gleich auf eigene Vor- und Parallelarbeitenverweisen kann. Dies gilt auch für das erste Kapitel: ,, Zwei Fresken in derSteiermark und in Kärnten und ein häresienaher Volkskult um die Vierund-zwanzig Ältesten in der Steiermark des 14./15. Jahrhunderts“( S. 16 – 33),ein Thema, zu dem er sich schon 1961 geäußert hat( Die ,, VierundzwanzigÄltesten". Südostalpine Zeugnisse zu einem Kultmotiv aus der Apokalypse.Carinthia I, 151. Jg., F. 2 – 4, Klagenfurt 1961, S. 579 – 605). Es geht um