452
Mitteilungen
ÖZV XLIX/ 98
Volkskundliche Erforschung der tschechischenMinderheit in Wien.
Erinnerungskultur, Assimilationsprozesse, konfessionelle und
vereinsmäßige Bindungen.Ein Projektbericht
Von Jana Pospíšilová und Marta Toncrová
Zu den aktuellen Themen des Forschungsbereichs am Institut für Ethno-graphie und Folkloristik der Tschechischen Akademie der Wissenschaftengehören in jüngerer Zeit Untersuchungen zu den im Ausland lebendenTschechen. Früher orientierten sich diese Forschungen an den in Bulgarien,Rumänien, im ehemaligen Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunionlebenden Tschechen. Weniger Aufmerksamkeit widmete man hingegen denTschechen in Österreich bzw. den Remigranten aus Österreich.
Zur Frage der tschechischen Minoritäten wurde vom Institut für Ethno-graphie und Folkloristik der Akademie der Wissenschaften der Tschechi-schen Republik in Prag eine Reihe von Sammelbänden unter dem Titel ,, Češiv cizině"( ,, Tschechen im Ausland", bis jetzt 8 Bände) veröffentlicht, sowieauch einzelne Studien vor allem in der Zeitschrift„ Český lid“. Neuerdingskonzentriert sich die Forschung auf die tschechische Minderheit in Frank-reich und auch wieder in Österreich, namentlich in Wien.
Nach 1989 konnten die tschechischen Wissenschaftler ihre Forschungenund Studien der Literatur- und Archivquellen auch in den westeuropäischenLändern eröffnen, was früher so gut wie unmöglich war. Zu diesen neuenProjekten gehört zum Beispiel die vor kurzem abgeschlossene Untersu-chung ausgewählter Bereiche der Volkskultur bei der Bevölkerung mähri-scher und slowakischer Abstammung im Marchfeld in Niederösterreich,welche von Marta Šrámková, Marta Toncrová und Oldřich Sirovátka, Mit-arbeiter der Brünner Arbeitsstelle des Instituts für Ethnographie und Folklo-ristik der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, durch-geführt worden war.¹
Mit der zur selben Zeit geplanten Studie über das Leben der WienerTschechen unter dem Arbeitstitel„ Národopisný výzkum české menšiny veVídni"( Volkskundliche Erforschung der tschechischen Minderheit inWien), welche Teil eines größeren Projektes unter der Beteiligung mehrererInstitutionen sein sollte, konnte erst voriges Jahr begonnen werden. Für diein Wien lebenden Tschechen interessieren sich sowohl tschechische als auchösterreichische Volkskundler, Historiker und Sprachwissenschaftler. DieProjekte sind zwar gegenseitig bekannt, aber untereinander zu wenig koor-